The Russian Policemen in KaWe (218)
29.Januar
2011, Königs-Wusterhausen/Katakombe
„Scheiße, hab ich was falsch gemacht?“ fragt
der junge Mann im eingeschüchterten Affekt Doktor Makarios am Eingang zur
heutigen Konzertauftaktstätte, der Katakombe in Königs-Wusterhausen. Das
Tourauto parkt direkt hinter ihm ein. „Nee, falsch gemacht, wieso?“ entgegnet
Doktor Makarios. „Ach ich dachte, ihr wärt die Polizei“. Nun ja, klingt auch nicht schlecht: The
Russian Policemen. In Gedenken an Igor Pavlowitsch, dem großen Kriminalisten
aus Pratajevs Werk. Aber es wäre des Unguten zu viel, Doktoren müssen es
sein und heute wird Neuland geheilt. Königs-Wusterhausen, von allen hier
schlichtweg KaWe genannt. Frei von Schnee waren vorab die Autobahnen, klirrend
indessen die Kälte und so kommt der Kaffee im Jägermeister-Topf gerade zur
Gemütlichkeit und Ausruhe recht. Freund Kalf hat es sich vor einem Aschenbecher
bequem gemacht, der Wirt steht am Arbeitsplatz und das ist wunderbar. Rasch mal
schauen, wie der Livesaal so ausschaut. Beachtlich! Vorne gleich eine
unverzichtbare Schnapsbar, hinten die Bühne; zwischen blondkühlen
Bedurstigungen und dem Soundcheck verliert die Uhr wenig Zeit. Nur den Pegel am
Mischpult hätte man besser nicht gen Null austarieren sollen. Das rächt sich
später kurzweilig, wenn keiner mehr dran denkt.
Fast zeitgleich mit interessanten Schalen vom örtlichen
verschwINDEN-Business für hungrige Doktoren füllt sich dito alles Katakombige.
Sogar die tschechischen Schneegrabengrenzfahrer Silvi und Stone sind mit von
der Partie. Silvi überreicht Doktor Pichelstein stante pede Spitzwegerichschnaps,
selbst gebrannt. Die Flasche lässt sich kaum öffnen; später, vom Inhalt
zehrend, wusste besagtes Behältnis genau, warum und was sie damit gutes tat. Pure,
leckere Medizin. Aber - vielen Dank dafür (mittlerweile ausgetrunken). Und ja,
dann geht’s los in KaWe; das Intro zieht’s Publikum aus Ecken und Kanten. Mitte
der „Männer die am Feldmänner stehen“ reißt Doktor Makarios beschwingt den
Mischpultregler hoch.
Bemerkenswert die Fülle, das Wippen und später
gar Tanzen. Pratajevs Texte flirren energetisch durch den Saal bis zum
Pausenschnaps und darüber lange hinaus. Becherovka auf Eis! Herrlich! Doktor
Pichelsteins Arbeitsgerät beweist Wallungswert und Königs-Wusterhausen wird komplett
geheilt. Nur jene bleiben diesbezüglich außen vor, welche dem Nachwuchs dieser
Stadt Vornamen wie „Heydrich“ geben. Die sollen draußen bleiben und am Ende
unterschreiben The Russen Docs virtuell beim glücklichen, herrlichen Wirt die
Option fürs nächste Konzert in der Katakombe. Unbedingt und immer wieder.
Brandenburg, du bist ‘ne Schöne. Und Helga
Bauer, genannt Peitscha, Geliebte Prumskis und Pratajevs, wohnte einst nicht
weit von hier. Unter solchen Gedanken nebst anderen biegt der Kalf-Chrissi-Van
mit den Doktoren im Schlepptau um Zernsdorfer Ecken. Ein Haus am See ist das
Ziel, ein schlafender Makrokosmos. Und süßer Likör, betrachtet man es aus
dieser Warte, bildet einen leckeren, magischen Teil des Mikrokosmosses am
Küchentisch. Bis der letzte Tropfen bezwungen ist.
Kichererbsen
bis Chemnitz (219)
30.Januar
2011, Chemnitz/Arthur
Europark, Zimmer 16, große Pension am
Stadtpark im Herzen des zentrumsnahen Stadtteils Altchemnitz. Öffentliche
Verkehrsmittel (Straßenbahnen ohne Fahrgast-TV. Unvorstellbar! Wo soll man denn
hingucken?), Einkaufszentrum (war’s ein Penny oder Diska?), Sportzentrum (für
Integrationsstreber, ohne Worte) und Gaststätten (altbacken) vor der Tür.
Anreise rund um die Uhr möglich (Radeberger, warm, bitte sehr). Die Zimmer sind
freundlich (ausstaffiert mit Fernseher, Decken, an denen man sich nicht
aufhängen kann, weil kein Seil der Welt derart lang ist, Bett, Tisch und 2
Stühle) eingerichtet und werden gern von Geschäftsreisenden (Autotransfer gen
Ost?), Firmen (Blumenhandel „Wollen Rose“) und auch Privatleuten (Mittagspause
mit der Klofrau aus Minsk) genutzt. Die Sanitärräumlichkeiten befinden sich in
Zimmernähe (kommt irgendwie auf die Lage des Zimmers an)… Ja, aber bis dorthin,
irgendwann ab nächtlicher Kreuzung zweier unmittelbarer Tage, ist es noch sehr
lange hin. Europark, welch edler Name – wer da lediglich an Paris in Frankreich
denkt, sollte wissen, dass in Altchemnitz alles eher an Minsk in Weißrussland
gemahnt. Minsk liegt eben auch in Europa.
Lange Stunden zuvor, am Zernsdorfer Mittag des
Tages, füttert Doktor Pichelstein die possierlichen Käfigratten im Haus am See
(„Doktor Pichelstein füttert die Ratten im Haus am See“ würde eher seltsam
klingen). Es plagt ihn dabei ein kleines, schlechtes Gewissen. Materialermüdung
führte nämlich eben erst zum Zusammensturz des Duschvorhanges. Könnte man
meinen. Andererseits ging der Gitarrendoktor gewiss nicht filigran ans Werk.
Ein leckeres Mittagsmahl folgt dem Frühstück und Kalfs Kichererbsen darin
werden beiden Doktoren noch lange in olfaktorischer Erinnerung bleiben. Erst
bei Ankunft im Chemnitzer Jugendclub „Arthur e.V.“ lassen die kleinen
Bösewichte von Makarios und Pichelstein ab - die sich späterhin erleichtert, schadlos
mühen, alles Kofferverpackte galant aus dem Autostauraum zu hiefen.
Über ein größeres Permafrost-Eishockeyfeld
geht’s damit hinein in den Club. Schön warm hier, feine Menschen, und Holm, der Solche, kommt nicht. Brach sich gehend
den Fuß und liegt daheim. Fein wär‘ die Nacht bei ihm gewesen, doch nein, es
sollte nicht sein. Moderieren wird den Abend nun ein Unifreund. Eigentlich sollte
es auch Radio geben, eine Liveschalte, doch es sind eben oder bestimmt
Studenten, die hinter so etwas stecken. Man will es ihnen nachsehen, beim
nächsten Mal klappt’s bestimmt mit allem, was die Welt so bietet. Ähnliches vermag
dito der Arthur-Verantwortliche denken, nur was lässt ihn zweifeln, dass es
heute Abend voll wird? „Na ja, sonntags kommen nicht so viele. Deshalb auch nur
3 € Eintritt…“ Von wegen. Nicht mit den Doctors, nicht hier, in Chemnitz.
Als hätte es einen ominösen Pratajev-Gruftruf
gegeben: Binnen weniger Viertelstunden platzt der Club aus allen Nähten. Man
kommt nicht vor, nicht zurück. Und das ist Grund, warum Doktoren so gerne am
Rande des Erzgebirges, in Chemnitz, spielen. Dem Abend, der Nacht wird Balsam
gereicht. Die Fliehenden-Sturmfreunde sind da, Vertreterinnen der
Pratajev-Sektion Frankenberg, das halbe Subway-to-Peter feat. Godfather-DJ Herr
B. aus C. wird gemutmaßt uvm. Ach, herrlich. Schnell noch Flüssigkeit in den
Orkus kippen, dann geht’s mit dem Intro auf die Bühne. Es folgt rasch das
„Loblied der Miloproschenskojer Wirtsleute“ – etwas durcheinander geraten, aber
beide Doktoren nehmen sich vor, den mitleidigen Text des Pratajev-Wirtes
Brantweijn in Zukunft bei allen nachfolgenden Konzerten weiterhin live zu
proben. Dann gibt’s das Interview; viele Fragen werden zu Gehör beantwortet und
lassen noch viel mehr Fragen im Raum stehen. Macht nichts. Weiter im Set, in
der Pratajev-Geschichte. Irritiert blickt lediglich das (vorwiegend weibliche)
Arthur-Stammpublikum. Eine Pause soll’s nicht geben, weil morgen Montag ist.
Der Tag der Einkehr in die neue Woche, als schlimme Kichererbse unter den
Wochentagen ist er verschrien. Und das mir Fug und Recht. Ja, so geht’s lang
und heiter weiter; ein bühnendargereichtes Terpentingetränk reinigt den Magen
endgültig. Bis die letzte Zugabe verklungen ist und sich die ersten Menschen im
Raum das neue Haus aus Stein Nummer 5 glücklich ans Revers heften.
Ferien auf dem Lande (220)
18.
Februar 2011, Nickelsdorf bei Crossen an der Elster/Rittergut
„Das Jugendgästehaus Nickelsdorf ist ein
ehemaliges Rittergut. Es liegt in Thüringen, dem Grünen Herzen Deutschlands.
Wälder, Wiesen, Bäche und Flüsse, Dörfer und Städte bieten in der Region
vielerlei Möglichkeiten zur Erholung und aktiven Freizeitgestaltung. In der
näheren Umgebung gibt es die vielfältigsten Ausflugsziele für Jung und Alt
(…)“. Quelle: www.jugendgaestehaus-nickelsdorf.de.

Denkmalschutz treibt zuweilen seltsame Blüten
und verhinderte bei der Sanierung des Gutes den Einbau wärmender Gusskörper.
Die Tenne, Auftrittsort der Russian Doctors, glüht dennoch herrlich warm vor
sich hin. Heiße Luft wird hineingeblasen, trifft sich in hölzerner Mitte, wo
eine tote Katze am Birkenbaum hängt. Zwar wurde sie modellgetreu aus Bast
nachempfunden, dennoch fühlen sich Makarios und Pichelstein gleich sehr
russisch, damit Pratajev sehr nahe, beinahe heimisch. Die Herzensdamen der
Veranstaltung wollen wir hiermit, ob ihrer großen Gastlichkeit, auch gleich zu
Anfang loben. Ein Galan von Licht- und Tonmischer sei ebenso erwähnt. Selten
wurden Pratajevs Weisen besser in Bühnenszenen gesetzt. Ja und so in Nebelfeld,
unter eisblauen UV-Strahlern beim Intro, das gibt’s auch nicht allzu häufig.
Wie in Trance startet ergo der erste Konzertblock: Schick, fein gesättigt,
grüne Kräuterschnäpse intus und mit der Welt zufrieden. Die Gäste jubeln,
klatschen und holen Bänke aus den Tenneschlunden hervor. „Herzlich Willkommen
zum Konzert der Russian Doctors im Rittergut Nickelsdorf“. (Quelle: Getränke-
und Speisekarte vor Ort, 18.02.2011)
Das „Loblied der Miloproschenskojer
Wirtsleute“ erschallt fälschungssicher und echt in der Causa Brantweijns.
Pratajevs Bühnengeschichte treibt bereits Frühlingsblüten. Nach der Pause, den
Zugaben, zwischen Peperoniwodka-Cola (O-Ton-Doktor Makarios: „Ich hatte
eigentlich Whiskygeschmack erwartet, dann brannte der ganze Mund“) und
neuerlichem Grünschnaps (Doktor Pichelstein), malt der Nachtnebel das
Nickelsdorfer Rund draußen silbern. Es herrscht eine Stille, die nur das
Wiehern eines Regenwurmes durchbrechen könnte. Doch die Würmer stecken alle
tief im Kompost und ob sie wiehern können, weiß nur der Wind. Dann leeren sich
die Gläser wie die Tenne auch. Gleich um die Ecke, im Jugendgästehaus, warten
kuschelige Decken und dann ist der Tag mit seiner heutigen Doktorarbeit endgültig
aus.
Das
kälteste Konzert der Russian Doctors (221)
19.
Februar 2011, Großenhain/Conny-Wessmann-Haus
Beide schwarz-rosa Hausschweine fordern imposante
Andacht; Doktor Makarios ist gleich mit zwei prallen Maiskolben zur Stelle. Die
Hofetikette verlangt’s beim geschichtsträchtigen Rundgang durch Stallungen und
gerne wäre man mit den Katzen im heißen Ziegenheu verschwunden. Bitterlich fegt
eisiger Wind übers Rittergut. Weiter müssen die Doktoren gleich, satt
gefrühstückt und teilgeduscht. Aufgetragen wurde zudem ein Tourdeo namens
Russian febreze, duftet nach Birkenwald und Kräutersud. Mit kleinen
Trommelschritten überm Schnee fährt’s Tourauto von dannen, 11% bergab. Vorbei
am Schloss in Crossen, einer Stadt, die einem wie ein Sprung durchs Zeitfenster
gen Mittelalter vorkommt. Sogar die umherlaufenden Bewohner erwecken den
Eindruck, frisch der Filmmaske eines Ketzerfilms entsprungen zu sein. Jugendliche
gibt es auch, halb vermummt vorm Schlecker zu erspähen. Abgangszeugnis dritte
Klasse - aber sieben Handyverträge, das möchte irgendwie gemutmaßt werden. Über
gleich drei, weiterhin so genannte „neue Bundesländer“, geht’s Richtung
heimatlichem Zwischenstopp.

Schon viele Rekorde wurden bei Konzerten der
Russian Doctors gebrochen. So gab es bis dato etwa das „nasseste Konzert“
(Pirna 2010), das „Konzert, von dem Doktor Pichelstein nichts mehr wusste“
(Laubegast 2005), das „ergreifendste Konzert“ (Großhennersdorf 2004), das
„heißeste Konzert“ (Dresden, 2005) oder das „Konzert mit den meisten Knoblauchschnäpsen“
(Chemnitz, wird Jahr um Jahr gesteigert). Heute sprechen wir vom „kältesten
Konzert“ und erst nach einer Stunde schält sich Doktor Pichelstein aus dem bis
eben getragenen Wollschaf plus Sakko. Einfach, weil die Schwitzflüssigkeit
darunter mitunter fies erkaltet war und in kleinen Rinnsalen gen Hose
plätscherte. Aber dennoch ist die Stimmung prächtig, muss sie auch, denn wer
einfach so steht, wird spätestens am Montag fiebrig bis bettlägerig sein. Ein
Grund mehr, so schnell, wie es eben geht, zu spielen. Doktor Pichelstein drückt
auf die Tube, denn jede Erzählpassage des Sangesdoktors Makarios führt zu
Eiszapfen am Gitarrenhals.
Die Zugaberufe sorgen für ein atmendes
Nebelfeld vor der Bühne; ein kleines Wunschkonzert schließt sich an, doch dann
nichts wie rein in die warme Küche. Einen murrenden Blick auf den milchigen
Mann mit der Schlabberhose und der Mütze aus der Kleiderspende hat Doktor
Pichelstein beim Abholen weiterer Hansa-Flaschenbiere noch übrig. Dann nichts
wie hinein mit der Dortmunder Plörre und danke, Ihr tapferen Gäste dieses
eisigen Abends. Möge die Nacht heiße, innige Versöhnung finden.
Das
erste Konzert der Russian Doctors, vor dem gebadet wurde. Oder: Gebadet
gefallen sie mir am besten (222)
20.
Februar 2011, Berlin/Duncker
Nachtspeicherheizungen sind so eine Sache.
Abends wirken sie recht verlockend, hach, wie schön warm! Und bereits wenige
Augenblicke später klirrt der Frost, hockt das Winterwunderland unmittelbar in
Nasennähe herum. Doktoren bibbern ergo
halbschlafend durch die Nacht. Am nächsten Mittag jedoch, da lockt die
Wärme - ein paar Häuserblöcke gen
Tornadodurchzugsgebiet entfernt. Und dank Niko Biberowitsch werden beide
Pensionsgemächer, ausgestattet mit neuster Flachbildfernseherei (O-Ton Doktor
Makarios: „Ich hab alles versucht, alle Knöpfe auf beiden Fernbedienungen
gedrückt. Nichts! “) gen Frühstück mit Meerrettichaufstrich gerne verlassen. Schön!
Gedeckter Tisch! Lecker und ganz lieben Dank an dieser Stelle ans besagte
Ehrenmitglied, natürlich nebst Gattin, der Pratajev-Gesellschaft.
Söhnchen Kieran, dem Krabbelalter insofern
entsprungen, dass bereits beim Pichelstein-Gitarrenbesaiten hilfreich zur Seite
gestanden werden kann, bekommt zum Aufbruch noch das Lied von der Katz‘
gesungen. (…) „Sang doch der Kieran
vorhin etwas über eine Katze die weg ist, also hat euer Mittagsständchen ihm
gefallen,“ schreibt Biberowtisch dann auch wenige Tage nach dem kleinen
Küchenkonzert der Erben Pratajevs. Die müssen aber nun weiter wandern; an
gebrochenen Baumkronen, abgedeckten Tornado-Häusern und eingestürzten
Fabriktürmen vorbei fährt’s Tourauto wie von selbst Richtung Berlin. Doktor
Pichelsteins schaltet den Autopiloten ein; der plakatierte Wegesrand zeugt von
einer ganz neuen, wirklich tollen CD unseres Howard Carpendale. Gut sieht er
aus, doch ein Kaiser, ein Roland wird er nie sein und werden. Dafür fehlt ihm
einfach die Joana in der Stimme (geboren um Liebe zu geben / verbotene Träume
erleben / ohne Fragen an den Morgen).
Ganz in diesem Sinne liegen Doktoren späterhin
gemütlich und nacheinander, mit jeweils frischem Öl- und Schaumwasser, in einer
Berliner Badewanne. Die Lichterkette glimmt, der Kaffee dampft, die Pizza
schmort im Ofen, Bettruhe wurde verordnet. Weitaus besser, als die noch
verbleibenden Stunden bis zum verabredeten Duncker-Soundcheck in einer
Friedrichshaier Grünen-T-Stube mit Kinderwagendiktat zu verbringen (früher
sagte man „Eckkneipe“). Manjoschka Gnatz, u.a. im Zuständigkeitsbereich
„Lektorat“ der Pratajev-Bibliothek im Verlag Andreas Reiffer zu suchen, machte
all dies möglich. Den Doktoren gefällt’s und so kann mit Fug und Recht abermals
ein Erstling pratajevscher Doktorarbeit verkündet werden, nämlich: „Das erste
Konzert der Russian Doctors, vor dem gebadet wurde.“
Hendrik, Jürgen, Steffi, der harte
Duncker-Wirt – alle Lieben sind schon da und emsig geht’s auf Parkplatzsuche.
Denn seit dem die Konjunkturpakete selbst in der Hauptstadt ausgepackt wurden,
müssen Absperrgitter, Warnbaken und natürlich Parkverbotsschilder wirklich
knapp geworden sein. Die Suche endet dennoch, zwar im Strafzettelgebiet, jedoch
nicht in Abschleppszenarien. Gut so. Rasch ein Berliner Pilsener und noch
eines, Bühne verkabeln, Soundcheck, rauchen, stehen, sitzen, Mensch, hallo!
Lange nicht gesehen – Die Herren um Eademakow und weitere Pratajev-Freunde
treffen ein. Hochverehrt, Euch alle hier zu sehen. Und ja, der Duncker ist so
schön warm, kein Heizungslapsus Marke CWH wie gestern, herrlich.
Die heutige Schönegeisterschau beginnt mit
eröffnenden Worten des Neu-Pratajev-Forschers H. Peetersowitsch (vielleicht
wird dieser Name noch überarbeitet bis zum nächsten Almanach „Haus aus Stein“),
das Rund sitzt geschlossen und bestens mit sich gefüllt zwischen Bühne, Wänden
und Schnapsbar. Die Raucherlonge ist verwaist und nach zwei Doktoren-Liedern
gibt’s Doktor Pichelstein mal gitarrenbefreit, lesend, das irrlichternde
Phänomen „verschwINDIEN“ betreffend. Dann wieder Doctors Live, des Forschers
Eingebungen – abendlicher Höhepunkt für Makarios und Pichelstein, ohne Frage! –
Pause, Doctors, Makarios liest „Pratajev – Meine Mutter“ und schlussendlich das abschließende Konzert,
bestehend aus jenen Werken Pratajevs, die die meisten der Duncker-Gäste zum
vielstimmigen Kanon animieren.
Vor der Zugabe verschläft Doktor Pichelstein
den anvisierten Showeinspieler, erst ein versprochener Eck-Jägermeister lockt
ihn zu sich, dann geht’s weiter und weiter und letztlich doch nicht mehr.
Punktlandung, Wende hin zum Abbau und endlich auch der Jägermeister. Nichts vom
duftenden Badeschaum bleibt. Dafür sehr später noch die Reise mit dem Bus ins
Futteral der Gemütlichkeit.
Als das Publikum die Doctors mal nicht
nur mit Schnaps rettete, hinterher aber doch alle betrunken waren (223)
25. Februar 2011, Velten/Mic’s Bar
Wo
liegt Velten? Ganz einfach. Richtung Berlin fahren, dann brandenburgisch
abbiegen und schon herzt sich die ehedem berühmte Ofenkeramikstadt ins ausflugshungrige
Navigationssystem gen Tonstraße, nebst passender Museumslandschaft, ein.
Zwanzig Tage vor den Russian Doctors fand das letzte Konzert in Velten statt;
die unverwüstlichen Puhdys gastierten „Am Katersteig“. Nicht „Am Katzensteig“
wohlgemerkt. „Wer die Puhdys-Konzerte kennt, weiß um ihre Gewaltigkeit – hier
gibt es immer Rock ungeschminkt“, verrät dann auch ein kleiner Flyer oder
Freier. Jedenfalls von irgendwo her scheint diese Information zu kommen. Ist ja
auch nicht so wichtig, der Bundeskanzlerin schon lange nicht. Und so regiert
die „Diktatur der Deppen“, wie die Financial Times neuerlich treffend titelt,
puppenlustig ohne Doktortitel weiter. Pratajevs Erben ficht das nicht an; denn
echte Doktoren, echte Veterinäre stammen meistens aus Murmansk und dort erwirbt
man seinen Titel erst nach der 314. Kuhgeburt in Steißlage.

Flaschenpost Holunderschnaps in Memoriam Bergsdorf 2010. Herrlichen Dank dafür! Vater Baumfreund wird freudig begrüßt, auch Bermasik Junior, Holzlöffelschnitzer der Pratajev-Gesellschaft, ist mit dabei. Ach und wer noch alles! Selbst Achselshirt-Fetischisten sind darunter. Sehenden Auges verbessert sich die spätere Livesituation der Doctors. DJ und Doktor Pichelstein schrauben, verklinken was das Zeug hält. Letztlich strömt der Gitarrensound aus einer Monitorbox, die mit passender Übertragungswelle ans Pult gekoppelt wird. Kurzer Soundcheck, Sennheiser-Mikros toppen die mitgebrachten SM 58er. Egal warum auch was geschieht: es klappt und mit welch großer Erleichterung die nächsten Kaltgetränke geschüttet werden, vermag sich jeder vorstellen. Und mit fast ebenbürtiger Erleichterung sammelt tatsächlich das Publikum (verneig, verneig) den Aufpreis für den Anlagenbau zusammen. Weihnachten fällt heute auf Ostern in Velten und alle haben jahrelange frei. Wenn nur nicht der Merchstand ein weiteres Mal umziehen müsste, doch selbst das koffert sich lächelnd wie von selbst.

Das
Verhältnis Lied zu Schnaps dürfte mittlerweile bei 2 zu 1 stehen. Mitte des
ersten Sets fordert Doktor Makarios vom Gitarrendoktor eine entsprechende
Dopingprobe ein. „Mein Doktor, die Gitarre geht mit mir durch“, ruft
Pichelstein flehentlich und bekommt Pfefferminzleckerli eingeflößt. Das
Publikum geriert sich textsicher, auch hier fließen die Pinnchen, auch hier
steigt der Geist Pratajevs aus allen verfügbaren Flaschen bis zum Pausentee.
Doch selbst der ist ein Metaxa. Um nicht zu sterben, wie einst in Chemnitz oder
nach dem 200. Konzert im Leipziger Flowerpower, wird Pichelstein nach der Pause
auf Schnapsdiät gesetzt. Doch die Endorphine haben längst alle Überhand
gewonnen, drum Prost und Danke und alle lieben Grüßen dieser Welt. Auch dem
„Beim Bücken von hinten Zuseher“, Pratajev-Neumitglied Nummer 53 in seiner
Funktion als „Kuhflüsterer“.
Sehr
spät lassen sich die Holztreppen im Veltener Gasthaus auf der anderen Seite des
Kreisverkehres erklimmen. Sehr erschöpft sitzt man da und grinst.
Gott sei Dank nicht in der Fastenzeit
(224)
26. Februar 2011, Wittenberg/Irish Harp
Pub
Wie
Baumfreund Ekmel späterhin treffend skizzierte, wurde in Velten selbstredend wild
bis hemmungslos getanzt, besonders nach der Pause. Doch nun heißt es: Abschied
nehmen, den gemütlichen Gasthof verlassen. Nach Frühstück und dankenswertem
Bettverbleib bis hinein in die erste Mittagsgeisterstunde. Sachsen-Anhalt ist
das Ziel, genauer: die Lutherstadt Wittenberg. Das „Rom der Evangelen“, wie
Doktor Makarios treffend bemerkt. Der Plan ist es, die samstägliche
Bundesligakonferenz einmal ohne die in Tourtagebüchern viel zu oft vertretene Ohrverkleisterin
Sabine Töpperwien erleben zu dürfen. Heißt: Eine Sky-Sportsbar muss her.
Telefonisch werden zwei davon vor Ort ausgemacht. Eine davon, als „Pogobar“ am
Handy missverstanden, wird sich nach getaner Reise über Wege (und vor allem
Umwege) gar selbst als Poker-Sportsbar im Vereinsheim des
Landesklassenvertreters Einheit Wittenberg (aktuell: Abstiegskampf)
wiederfinden.
Nun
kann man sich sicherlich denken, was einen da so erwartet. Beeindruckt von
echten, gestandenen DDR-Männern, die vornehmlich einen Plastekamm in der
Arschtasche und ein Beutelchen aus Lederersatz mit sich herumtragen, setzt sich
Doktor Pichelstein an den Rundtisch. Der Becher Kaffee lässt nicht lange auf
sich warten. Schön wäre zwar ein Bier gewesen, aber das geht noch nicht – der abendliche
Irish Harp Pub wird erst in 90 Minuten, nach Spieleschluss, angesteuert werden
können. Nürnberg führt auf Schalke, Kaiserslautern gegen Hamburg und die
Besucher der Poker-Bar spielen laut schimpfend auf sich, bzw. andere, und somit
gegen sich selbst. Sagt ein Kammträger zum nächsten: „Halt die Fresse, wir
wollen Fußball gucken“, blickt dabei aufmunternd, um Zustimmung buhlend, beide
Doktoren an. Vornehme Zurückhaltung ist angesagt. Die Frage: „Was sind das nur
für Leute?“ kann man schließlich auch ins Tourbuch hineinschreiben oder laut
denken, als Schalke und Hamburg jeweils ausgleichen oder als der erste
Alt-Betrunkene arg verschwenderische Bierglasinhalte gen Holzboden verteilt. Nichts
wie an die frische Luft, ans erste Kaltgetränk, immer wieder ein Höhepunkt, das
Spielen im Irish Harp.
Die
Bühne steht in wenigen Minuten soundgerecht zum Haps aus der Speisekarte, Guinnessblumen
blühen schaumwärts und Miss Wittenberg hat Geburtstag. Ein Umstand, der allen
im Pub im Laufe des Abends noch viele Hingucker bescheren wird. Taucht die
holde Hoheit der örtlichen Gefesselt-Fraktion beim Konzert schließlich als
Schwesternschülerin auf und fühlt Doktorenpulse. Herrlich. Boris Brutalowitsch,
Pratajev-Neumitglied Nummer 52 in seiner Funktion als „Werwolfjäger“, platziert
den Konzertmitschneider, Doktor Pichelstein frohlockt ob einer feinen
Holunderschnapsflasche, dankbar gespendet von Begleitung Silvi und die himmelblaue
Spendendose für die notleidenden Wirte von Miloproschenskoje thront,
mittlerweile bereits anständig gut gefüllt, über der Abteilung Merch. Die Tür
öffnet sich im Sekundentakt; schnell platzt der Pub aus allen Nähten. Der
Wittenberger Pfarrer schafft es, einen der raren Sitzplätze in Ausschanknähe zu
ergattern und ein Geheimnis kommt ans Licht. Jenes, warum es beim letzten
Doctors-Konzert hier nur halb so voll war. „Da war Fastenzeit, jetzt spielt ihr
hier vor der Fastenzeit…“ Aha. Na da muss man erst mal drauf kommen.
Das
Konzert startet via Intro; die Bässe darinnen kollidieren mit den Ausgangsboxen
der Konservenmusik. Die PA dagegen ist eine Wucht, klingt auch so, und
fanatisch peitschen sich beide Doktoren durchs erste Set bis in die Pause
hinein. Doktor Pichelstein scheint vom Sieg der Dortmunder gegen Bayern München
auf Red Bull zu sein, doch so was trinkt der ganz gewiss nicht. Boris
Brutalowitsch sorgt für gerechten Nachschub, ein Guinness, ein ganz leckeres,
ein kaltes fließt in den ausgemergelten Gitarrenweltmeister hinein. Und nach
der Pause geht’s genau so weiter, fallen Zugaben auf die Bühne. „Gefesselt“.
Natürlich, das Lied der Wittenbergerinnen, darf nie und nimmer fehlen. Aktiver
Fetisch muss sein, schließlich befinden wir uns außerhalb der Fastenzeit.
Viel
später beschleicht die Nacht ein Müdgefühl, längst sind Gitarren, Koffer und
Kabel verstaut. In die Bierstuben geht’s. Nicht um dort zu trinken, wie
vermutet werden dürfte, nein, dort wird geruht und gehofft, dass der nächste
Mittag ein Erbarmen hat.
Es
sei am Schluss dann noch erwähnt: Die Heimreise klappte ohne Unterlass, wenn
auch mit freudiger Verwunderung vorbei an einer Senioren-Pension namens „Zum
Biber“. Über Frostschäden, weniger über Belag, ging es unbeschadet heimwärts.
Sonntag, du Wohl der Woche. Auf zum Eishockey, bzw. zum Mexikaner.
Im
Wohnzimmer der Enthusiasten (225)
18.
März 2011, Leipzig/PaperOne-Salon
ein Wohlfühl-Wohnzimmer der Enthusiasten eintauchen. Eines davon lädt ins Stadtteil
Lindenau ein - in unmittelbarer Nachbarschaft zum Wege e.V. gelegen, befindet
sich der Lesesalon des Poetenverlages PaperOne. Dass jener Verein sich um das
Wohlergehen psychisch Erkrankter bemüht, soll an dieser Stelle eine ehrenhafte
Randnotiz bleiben.
PaperOne-Chef Olli herzt The Russian
Doctors im Frontstage, engagiert für den musischen Part des Leseabends.
Getränke gibt’s an der Bar, im Klo glimmt eine Kerze auf Holz, nur ist besagter
Raum (Tampons zum Mitnehmen auf dem Fenstersims) von innen verriegelt. Sollen
darüber Brandschutzsorgen aufsteigen? Nein, keineswegs. Hauke von Grimm ist ein
Poet der Tat, entsprechendes Werkzeug wird angetragen, bald bricht schon die
Tür. Derweil lesen
Eine kleine Bergpredigt oder: Gottes
Ordnungsamt auf Erden (226)
21. April 2011, Leipzig/Flowerpower

vorm Auftritt. Selig sind Silvi und Stone (danke für die kleinen, feinen Gelbschnaps-Geschenke und der Rundblick ist eine Wucht). Selig ist Anatolij Sabberowski II jun. (danke für Pratajevs Roten aus Vodka und Himbeere & für die Entdeckung alten Pratajev-Schellacks). Selig ist Strobi am Zapfhahn. Selig ist die wummernde Technik auf der Bühne. Selig sind all jene, die das Flowerpower von Null auf Gleich mit sich füllen. Auf dass sie gefüllt werden. Selig sind die Schnäpse mit dem Nährwert eines guten Bauernfrühstücks. Selig ist die POFF-Belegschaft (zu attraktivsten Teilen versammelt).Selig sind die Frauen, Wunder der Beweglichkeit vor der Bühne. Nach der Konzertpause erst recht. Selig ist SEB (danke für die Videos auf Youtube). Selig ist die heilige Fraktion des Fliehenden Sturms. Selig ist die Frau-Krause-Geburtstagsrunde. Selig ist eine Band, die heute niemand mehr kennt (steht hier wegen des Reimeffektes). Selig ist der schnellste Akustikgitarrist der Welt. Selig ist Pratajevs Entdecker am Mikrofon. Selig ist Wallgold II jun., der von Ferne das Große Lexikon des „Puschkin von Miloproschenskoje“ vergoldet. Selig ist der Unbill des Lebens (auch wenn er heute draußen auf der Riemannstraße bleiben muss). Selig ist Helga „Peitscha“ Bauer. Selig sind die Holzlöfflerfamilien. Selig sind alle, aber wirklich alle Raucher von Bolwerkow. Selig sind die Sektierer an der Bar. Selig sind die Komsomolzen aus den russischen Teilrepubliken am Bühnenrand; ihr federnder Schritt ist nicht nur dem Inhalt großer, nunmehr leerer Flaschen zu verdanken. Selig sind die Siechenden, an der Bar wird ihnen gerne geholfen, wird Wasser zu Schnaps verwandelt, werden Schnapslästerer schiefkrumm beäugt. Selig ist und selig sind sie heute alle. Bis besagte Uhr sich gefährlich nah an Gottes Heilig-Geiststunde heranpirscht.
Wir
wollen an dieser Stelle aber keineswegs verraten, wann die letzte Zugabe der
Russian Doctors denn nun tatsächlich über den Jordan, bzw. über den Ölberg
ging. Römische Legionäre stießen jedenfalls nicht dazu und nahmen Makarios
& Pichelstein zur Kreuzigung mit. Drum soll niemals Ruhe sein, sollen Doctoren
spielen, wann immer man es will, soll laut und heftig getanzt werden. Sollen
die Reliquien schweigen, fasten und höchstens einen Biber braten. Denn ein
Biber ist ein Fisch, der kam immer schon auf den Priestertisch. Gottes
Ordnungsamt auf Erden, trinken wir trotzdem auf deinen Unsinn, der dich
antreibt. Bis so gegen Vier in der Früh. Und danach ein leckeres Steak vom
Flowerpowergrill. Da beißt man gerne die Zähne zusammen, sofern man welche hat.
Ach ja und selig soll auch der Taxifahrer sein, auf dass kein Unheil ihn jemals
beschleiche.
So plötzlich! (227)
24. Juni 2011, Elbhangfest Dresden/Alte
Feuerwache
Seltsam.
Geruhte eben noch die Sonne recht kräftig aufs Autodach zu scheinen, gewinnen
aktuell unwetterartige Wolkenmassen aus Richtung Großenhain die Oberhand.
Während Doktor Pichelstein nassen, autobahnigen Wetterlaunen - mit Vollgas vorbei
an mäandernden LKW-Wänden - zu entfliehen versucht („Schnell weg hier, mein
Doktor, das gibt bestimmt gleich einen Tornado, rechts hinter uns ist alles
pechschwarz“), treibt das Wolkenungeheuer bereits tropfschwere Blüten. Was
bleibt einem da in Zeiten viel beschworener Klimawandelei? Heimatsender
einschalten, Schlager hören und beizeiten sogar mitsingen. Schade nur, dass es
das berüchtigte Leipziger Duo, Geheimtipp für jung, alt und den Rest der
Familie, Svenni & Holgi („Weine nicht, kleiner Bär“) immer noch nicht in
die honorigen Playlisten von Radio Antenne Sachsen geschafft hat. Ein wenig
Liedgut aus dem Repertoire: „4 Jungs auf der Autobahn / wollen schnell nach
Hause fahren / denn da wartet die Liebste / hat schon viel geweint (…)“.

Die
Bühne steht bereits, nur der Regen hört nicht auf, doch übers andere Elbufer
ziehen bereits lichtere Wolken verlockende Bahnen. Nach dem zweiten Kaltgetränk
ist plötzlich wieder Sommer. So schnell kann’s gehen. Der Merchstand leuchtet,
der Soundcheck ist getan, die ersten Gartengäste werden geschüttelt und gerührt
geht man zum Handschlagwerke über. Schön! Doch dann die erneute Apokalypse:
Noahs Arche, Weltuntergang, Reg dich nicht auf (wenn es mal regnet), Elbeflut,
das 7. Zeichen – Doktor Pichelstein geht derlei vieles durch den Kopf, als Platten,
CDs und Bücher flinker Hand zurück in Kisten gestopft werden, als grobe
Hagelkörner gestandene Bierbecher umstoßen, als Setlisten von der Bühne fliegen
und der Sturm am Dache reißt. Dann die Erlösung: Ein doppelter Regenbogen zieht
auf und mit ihm schallt’s Intro der Russian Doctors durch die Höhen und Tiefen
des Elbtals: Es ist unheimlich hart, der Beste zu sein…
Beginnen
die „Feldmänner“ noch im strömenden Herbstregen, setzt bereits vier
Pratajev-Weisen später das blauhimmelige Sommeridyll wieder ein. Und so geht’s
dann weiter, wild und heftig. „So plötzlich“, wird gerufen. Immer wieder.
Gemeint ist damit das Lied über die Gefrierkatastrophe von Bolwerkow aus dem
Jahr 1960. „Man registrierte einen Temperatursturz von +12 Grad Celsius auf
-38,2 Grad Celsius innerhalb von 24 Stunden. Das Gefriergebiet hatte eine
Ausdehnung von zehn Kilometer nördlich, 2,5 Kilometer südlich, 1,9 Kilometer
westlich und 4,2 Kilometer östlich – vom Bolwerkower Dorfplatz aus gesehen (…)“
weiß das
Große Pratajev-Lexikon darüber zu berichten. Oft wird in der Folge also „Als das Eis kam so plötzlich“ gespielt. Nur die „Schnapsbar“ toppt keiner, die gibt’s vor jedem Zugabeblock – und bis auf wenige, zum Teil nahezu vergessene, somit kaum mehr spielbare Titel aus dem Repertoire Pratajevs, wird das Große Pratajev-Liederbuch, komplett gespielt. Recht rasant, möchte man meinen, und irrt damit keineswegs. Selbst als der allerletzte Schlussakkord längst verklungen ist, entsprechend schöne Dosenmusik bereits an Langmut gewonnen hat, sollen die Doktoren – mitten im Publikum - unplugged weiterspielen. Es gibt noch „Der edle Mann“ – und nein, das Kanapee mit dem Girl drauf, das klappt dann keineswegs mehr. Zurück auf der Bühne bleiben leere Schnapsfläschchen, Geschenke des Fliehenden Sturms, einst gefüllt mit Kräutern aus dem Wald. Du meine Güte, was für ein Abend. Sehr vielen, vielen, vielen Dank dafür!
Große Pratajev-Lexikon darüber zu berichten. Oft wird in der Folge also „Als das Eis kam so plötzlich“ gespielt. Nur die „Schnapsbar“ toppt keiner, die gibt’s vor jedem Zugabeblock – und bis auf wenige, zum Teil nahezu vergessene, somit kaum mehr spielbare Titel aus dem Repertoire Pratajevs, wird das Große Pratajev-Liederbuch, komplett gespielt. Recht rasant, möchte man meinen, und irrt damit keineswegs. Selbst als der allerletzte Schlussakkord längst verklungen ist, entsprechend schöne Dosenmusik bereits an Langmut gewonnen hat, sollen die Doktoren – mitten im Publikum - unplugged weiterspielen. Es gibt noch „Der edle Mann“ – und nein, das Kanapee mit dem Girl drauf, das klappt dann keineswegs mehr. Zurück auf der Bühne bleiben leere Schnapsfläschchen, Geschenke des Fliehenden Sturms, einst gefüllt mit Kräutern aus dem Wald. Du meine Güte, was für ein Abend. Sehr vielen, vielen, vielen Dank dafür!
Daumenblut (228)
25. Juni 2011, Elbhangfest
Dresden/Grottenwirtschaft
Doch
zunächst wird alles dafür getan, dass ein Produkt wie Odol am Tagesende zum Nonplusultra
voranschreitet. Kesselgulasch hätte man gerne, doch das muss erst aufgetaut
werden. Bockwürste helfen in der Frühstücksnot und ganz klar, heute, am
Festsonntag, ist Eltern-mit-Kindern-Tag. Zu tausenden sickern sie ein. Das
Wetter ist durchwachsen und wartet mit seinen Sonnenausläufern brav auf den
Beginn des heutigen Konzertes der Russian Doctors an der Grottenwirtschaft. Dr.
Hendrik, mittlerweile leicht geschwächt von bisheriger Küchenarbeit stöhnt
beglückt: „Fischbrötchen belegen war bis jetzt das Schlimmste“. Steffen und
Freunde stimmen bei und begrüßt werden
die Russian Docs (teilweise erstversorgt mit tschechischen Rauchwaren) zum
sozialistischen Soundaufbau. Der voran propagierte Satz „Die Grottenwirtschaft
ist der ideale Platz, um das
größte Stadtteilfests Dresden entspannt zu erleben“ spricht alle Ankündigungen
wahr. Schnell noch zwei Bier, dann steht die Bühne, wird’s auf den
Publikumsseiten voller und doller (von Pirna bis Chemnitz, Großenhain und von
überall), kommt schüchtern die Sonne raus. 15:00: The
Russian Doctors, 17:00: Edith Böhm Combo, 19:00: Cosmic Noise. Ein tollkühner
Plan. „Na dann mal los“,
ruft Doktor Makarios seinen Gitarrendoktor zur Saiten-Arbeit heran. „Wir haben
hier neuen Schnaps aus der Brennerei Kaktus“, ruft Pichelstein zurück.
„Katzenblut“. Ein großes Dankeschön dafür an die kleine Ostelbiendelegation um
Gurt Kaktus. Sehr lecker! Beinahe schnurrend im Abgang, somit ebenso besonders
geeignet für weibliche Mitglieder der Pratajev-Gesellschaft.
Da
erstaunlicherweise mutmaßlich jede Band des Vorabends eine eigene Anlage zur
Beschallung des Publikums mit sich geführt gehabt haben muss (welch ein
verschrobener Unsinn), stapelt sich entsprechendes Equipment hinter den
Doktoren. Ganz im Überschwung des Freitagauftritts an der Alten Feuerwache
startet’s Konzert, beschleunigt sich durch die nicht immer heile Welt
Pratajevs, mitsamt ihren weitreichenden Facetten. Doch jene Welt geriert sich rasch
zu allem Wohl, formiert Thekenschlangen, lässt Mundgerüche und den Wecker eines
jeden Montages vergessen. Selbst jene unter den Elbhangbesuchern, die meinen,
mit dem Rad überall durchkommen zu können, stocken, lauschen Doktor Makarios
Sangesweisen und werden (wenn auch nur wenige Minuten eines sonst gewiss sehr tristen
Lebens) nachdenklich. Ja, der „Raucher von Bolwerkow“, so ist’s, denkt unter
ihnen mancher Mann. Derweil „Gefesselt gefällt sie mir am besten – macht er
doch nicht“, hingegen manche Frau.
Dann
kracht die dicke A-Gitarrensaite Doktor Pichelsteins rechten Daumennagel in
zwei Stücke, welcher wiederum den Schlagdaumen an sich in Mitleidenschaft
zieht. Das Blut tropft gemächlich auf den Boden und die Pflasterversorgung
lässt auf sich warten. In solchen Momenten gehen einem Gitarristen folgende
Sätze durch den Kopf: Hagen wollte Siegfried im Krieg gegen die Dänen speziell
schützen. Da sagt ihm Kriemhild das Geheimnis: Er sei verwundbar an der Stelle
zwischen den Schulterblättern, wo ein Lindenblatt verhindert hatte, dass das Drachenblut,
in dem Siegfried badete, ihn unverwundbar machte, da dort die Hornhaut nicht
gewachsen sei (…). Nun denn. Es folgt der Rest vom heutigen Spielplan und sehr
froh ist Doktor Pichelstein beizeiten, dass die letzte Zugabe auf der
Ersatzgitarre unfallfrei zu Ende schwingt. Mit musischen Hufen scharrt bereits
die Edith Böhm Combo. Zeit für einen großen Schluck Katzenblut und Zeit genug,
sich an dieser Stelle beim Team Grottenwirtschaft vorzüglich zu bedanken.
Druschba!
Schnapsgestähltes Kabarett (229)
01. Juli 2011, Fürstenwalde/Club im
Park
Im
Parkclub läuft das Notprogramm und natürlich gehören Pratajevs Erben dahin
eingeladen, welche Frage. Während der Heimattiergarten gleich um die Ecke nicht
mit prachtwertem Ausstellungsbuntmetall geizt (Adler und Eule am
Eingangstor werden allerdings jeden
Abend wieder abgeschraubt und weggetragen). Ein langer Weg war es bis hierher.
Mal wieder ging’s durch alle Wetter hindurch, Leipzigs Plagwitzer Straßen stauten
sich zur Weißglut. Aber so das nun mal, wenn man in der Großstadt wohnt. Immer
wollen alle alles mit sich voll machen. Und nie kommt man deshalb pünktlich
irgendwo an. Wie schön’s doch dagegen zur Abwechslung im Fürstenwalder Park
ist.
Der
Club befindet sich in den letzten Ausläufern einer langatmigen
Renovierungsphase; schuld daran seien unberechenbare Naturausläufer, berichtet
Freund Sebastian und übernimmt die Führung. Und wahrlich! Sieht toll aus und
wunderbar gestaltet sich’s Ambiente. Selbst notdürftiges zu verrichten, ist
richtig angenehm (im Vergleich zu früher). Nur die Schnäpse sind noch dieselben,
all die feinen Kaltgetränke aus dem Backstage-Monsterkühlschrank in neublau.
Sehr gut. Wollen wir mal einen Blick in die moz-Zeitung wagen:
Fürstenwalde. Nachdem in der
vergangenen Woche endlich die Bauarbeiten an den Außenanlagen des Parkclubs
wiederaufgenommen wurden, hat das Team um Ingo Taboga und Sebastian Bernhardt
ihr sogenanntes „Zurnotprogramm“ fertiggestellt. Natürlich könne es passieren,
dass einige Öffnungstage aufgrund von Bauarbeiten an den Ein- und Notausgängen
nicht stattfinden können, so Sebastian Bernhardt. Weiter geht es am 1. Juli mit
einem Kabarett-Musik-Programm der Russian Doctors (…)
Aha.
Kabarett-Musik-Programm also. „Nun mein Doktor, hast du denn schon lustige
Witze über das aktuelle, politische Geschehen im Land auf Lager?“ fragt
Pichelstein, als er sich nach dem Soundcheck den rechten Blutdaumen verbindet.
„Von wegen Kabarett“, kommt’s zur Antwort und weiter: „Genau wie im Facebook
gepostet: Wir sind ne schnapsgestählte High-Speed-Folk-Punk-Kapelle.“ In einschränkender
Weise muss indes hinzugefügt werden: Dr. Makarios entwickelte zuletzt eine
leichte Allergie gegen Schnäpse mit +50%. Warum das so ist, soll nicht im
Verborgenen bleiben und lässt sich unmittelbar an der ersten Übergabe einer
Spende für die notleidenden Wirtsleute von Miloproschenskoje messen. Ende
Mai/Anfang Juni weilten beide Doktoren u.a. deswegen an der portugiesischen
Algarve und fanden zwei Nachfahren besagter Wirte, die es sich zum Ziel gesetzt
hatten, hochprozentige Erkenntlichkeiten aus dem Hut, resp. aus Brennerei &
Schnapsbar zu zaubern. Und das bereits ab 12 Uhr mittags bei geschätzten 35
Grad im Schatten.
Grüne
Eier aus dem Brandenburger Land spendieren Kalf und Chrissi, gesund und gewiss
lecker, hinterher dennoch sicherheitshalber im Club belassen. Auf Nachfrage
sollen sie gut gemundet haben. Der Berliner Pratajev-Forscherpreisträger
Eademakow wird heiß bei Ankunft umjubelt & vom Gitarrendoktor Pichelstein
mit jenem Dresdener Plektrum beschert, welches unmittelbar am
Grottenwirtschafts-Massaker beteiligt war. Schon eine Ehre, wenn nicht gar eine
Ähre, einen Preisträger der Pratajev-Gesellschaft, somit einen honorigen
Mitbürger, in seiner Nähe zu wissen. Der Vorstand des Männerchores CONCORDIA
Teschendorf sollte sich glücklich schätzen. Und jenes Glück der Erde liegt
bekanntlich auf dem Rücken der Kräuterschnäpse (später, während des Konzertes,
wird es noch einen Zusammenstoß Frau gegen Schnaps geben, wobei der Schnaps
eindeutig an Menge verlieren wird - konträr zur Bekleidung der holden
Weiblichkeit). All das weiß auch Baumfreund Ekmel und steckt sich zur
Sicherheit am Merch die allerletze LP „Funeral Entertainment“ der Gruppe Die
Art ein.
Auch
ansonsten füllt sich das Rund, füllen sich Ecken und Kanten und weil’s dann so
weit ist, geht’s los mit dem schnapsgestählten Kabarett, fallen die Feldmänner
über alle her bis zur Pause, in der sehr skeptisch an einer Flasche, gefüllt mit
dem dem Gesundbrunnen brauner Bionade, gerochen wird. „Hm, riecht wie
Erbrochenes“, wird teilweise festgestellt, hernach besser der Weg zur
Schnapsbar eingeschlagen. Über diesen Weg würde der Kabarettist Xavier
Naidoo eine Menge wissen, nuscheln und mit den Händen dabei ganz
komische Bewegungen machen. Jedenfalls würde er gemeinhin sagen: „Also ging ich diese Straße lang und die Straße führte zu mir.
Das
Lied, das du am letzten Abend sangst, spielte nun in mir“. Ist nur ein Zitat.
Aber was für ein Unsinn, nahezu ein Paradoxon. „Dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg wird steinig und schwer, nicht mit Vielem wirst du dir
einig sein. Doch dieses Leben bietet so viel mehr.“ Zumindest mit dem letzten
Satz lässt es sich leben. Genauso war‘s schließlich bei Pratajev und genauso
geht’s Konzert der Russian Doctors weiter und weiter bis zur letzten Zugabe.
Denn am Wegesrande, Herr Naidoo, trinkt man nämlich aus der Flasche. Dann ist
der Weg auch nicht so steinig und schwer.
Froh
ist Doktor Pichelstein, dass alle Pflaster hielten, was sie vorab kaum
versprachen. Ganz sehr würden sich übrigens alle freuen, wenn der Männerchor
CONCORDIA Teschendorf das Lied „Tote Katzen im Wind“ in Bälde geschlossen,
trinkfest und stimmig zu Gehör bringen würde.
Veterinäre wissen: Der Kuh (und dem
Gerrit) geht’s gut (230)
02. Juli 2011, Wechselburg/Zum
Schulzenhof
Schlimm
ist’s, wenn morgens der Handywecker zum Frühstücksappell ruft. Diesen
Augenblicken fehlt es eindeutig an Charisma und man versucht ihrer wenig zu
gedenken. Doktor Pichelstein ist froh, dass eine Schnapswahrsagerin ihm vorm
Zubettgehen empfahl: Geh lieber nachts noch in die Dusche, morgen früh wird das
nichts mehr. So sitzen die Doktoren schließlich am gedeckten
Park-Pensions-Tisch und gehen zum überdachten Rauchen ein bisschen Spreegucken
mit Anglerbötchen obenauf. Mutig kreucht die Nussschale übers Wasser. Von oben
dauert Regen hinein und hinterrücks naht ein dicker polnischer Schleppkahn
namens Louise.
Nun
gut, die Spuren der Nacht eindrucksvoll im Gesicht tragend, wird der Bus am
Club gestartet. Landstraße bis zur Autobahn, die Scheibenwischer wuseln im
Schweinsgalopp wie geschmiert. Und an der ersten Raststätte sehen die u.a. aus
Bussen quellenden Rentner sehr nach Überschreiten des Verfallsdatums aus. Einer
der ihren wird vom Nachwuchs vermisst. „Vatter, allet klar?“ ruft es ins
Männerklo hinein. „Jaja, dauert noch“, kommt flehend jene Antwort, die man
besser überhört hätte. Es gibt eben sehr viele Gründe eben nicht jene
Örtlichkeiten einer Vielbereistheit aufzusuchen. Und wenn doch, kriegt man
davon Gedankenherpes.
Gefühlte
kurvenreiche, schlaglochumringte Ewigkeiten später (ausgerechnet: kurz vorm
brandenburgischen Einfallstor Großenhains musste die Autobahn staubedingt
verlassen werden), dringt der Tourbus in die Flora und Fauna des Muldentals
ein. Der Weg gen Wechselburg ist das Ziel. Dort, wo Sühnezeichen und Mordsteine
das Landschaftsbild prägen, wo dem Porphyr am Vers gelutscht wird, die Kühe im
satten Gras stehen, wo ruhmreicher Bergwald eine Stadt namens Mittweida gebar.
Leider, möchte man sagen. Leider, Mittweida.
Im
Mietschutzportal www.wowirwohnen.de
finden wir da etwa den Eintrag 1025496
vom 24.01.11 (hochwertig) über die Lutherstraße 54: (…) es handelt sich hierbei um einen
Neubaublock. Er gehört zu einer Genossenschaft. Die kümmert sich sehr um diese
Wohngegend, es wird versucht es trotz Neubaublock schön zu machen, auch
ringsherum. Es gibt dort hauptsächlich Rentner und einen Teil ausländische
Mitbürger. Die Grundschule ist gleich nebenan, und der Kiga ist auch nicht weit
entfernt. Nah ist auch das Stadtzentrum und die Hochschule. Man hat geringe
Heizkosten, wenn man so ziemlich in der Mitte wohnt. Die Mitarbeiter der
Genossenschaft sind sehr nett, bis auf eine Ausnahme: wenn man die Wohnung
nicht perfekt hinterlässt, dann wird dieser Herr gleich ausfällig und hat fast
rumgeschrien, furchtbar eingebildet und arrogant! (…)
Da
steckt viel Wahrheit drin und gerne würde man all die Rechtschreibschwächen
übertünchen, doch das wäre ja dann eine Fälschung, eine Verzerrung der
Wirklichkeiten in Mittweida. Fraglich ist natürlich, was es damit auf sich hat,
eine „Wohnung nicht perfekt zu hinterlassen“. Doch genug der selbstredend
schlimmen Disserei eines beleckten Städtchens im frischen Landkreis
Mittelsachsen. Auf geht’s zur umgeleiteten Hauptstraße Richtung
Topfseifersdorf. Rechtskurve voran, Fenster auf und gute Sachsenluft
schnuppern. Rochlitzer Hügel im Nacken, Zeitzeugen durchstreifen die Landschaft
mit einer Konsum-Tüte voller leerer Flaschen. Nicht mehr weit kann’s sein bis Königshain-Wiederau,
der wahren Auster des Muldentals. Hier stellt man sich Pratajev vor. Wie er mit
seinem Lieblingsveterinär J.P. Kuhin über die Felder streift, Kühe impft und
die Nase rimpft. Wo jedes Dorffest zwischen Göhren, Mutzscheroda, Nöbeln oder Zschoppelshain
zum Diskant
ausartet. Wo mit Schnaps-Schüssen auf Schwein und Reh gegangen wird und im Weiher die Frauen ihre Wäsche vergessen. Alles eine Frage des Naturells. Dann wird die Praxis des Ehrenmitgliedes Nummer 38 unserer Pratajev-Gesellschaft - in seiner Funktion als Pferdelungen-Transplanteur – erreicht und die Zeit knappt sehr. Mitgeführte Geschenke zum Ehrentag bleiben ergo uneingepackt. Aber das macht nichts. Herzlich schön ist der Empfang, Veterinär Gerrit strahlt im Glanz des Sektes. Kuchenzeit ist Schnittchenzeit und Doktor Pichelstein wird’s gestattet, die Konzertgitarre auf dem Behandlungstisch neu zu besaiten. Viel gibt’s rundum zu entdecken. Später auch die Pension „Zum Hirsch“. Hier soll tief nachts der müde Augenschluss geschehen und betrachtet man es aus der Retrospektive: sehr gut war’s dort auszuruhen, zu speisen und dem Sommerregen bei seinem Tagwerk zuzusehen. Gespielt wird heute Abend im renommierten Ballsaal „Zum Schulzenhof“. Die Tische sind gedeckt, Sekt reicht sich fleißig von Hand zu Hand, die Feierreden sind gespickt mit edler Poesie und man erfährt auch sehr viel über das Freizeitverhalten, das Zünden von Böllern in Küchen der Kindheit, insgesamt übers Leben und Wirken eines Veterinärs, unseres Veterinärs, denn er lebe hoch. Natürlich auch im Tourtagebuch der Russian Doctors.
ausartet. Wo mit Schnaps-Schüssen auf Schwein und Reh gegangen wird und im Weiher die Frauen ihre Wäsche vergessen. Alles eine Frage des Naturells. Dann wird die Praxis des Ehrenmitgliedes Nummer 38 unserer Pratajev-Gesellschaft - in seiner Funktion als Pferdelungen-Transplanteur – erreicht und die Zeit knappt sehr. Mitgeführte Geschenke zum Ehrentag bleiben ergo uneingepackt. Aber das macht nichts. Herzlich schön ist der Empfang, Veterinär Gerrit strahlt im Glanz des Sektes. Kuchenzeit ist Schnittchenzeit und Doktor Pichelstein wird’s gestattet, die Konzertgitarre auf dem Behandlungstisch neu zu besaiten. Viel gibt’s rundum zu entdecken. Später auch die Pension „Zum Hirsch“. Hier soll tief nachts der müde Augenschluss geschehen und betrachtet man es aus der Retrospektive: sehr gut war’s dort auszuruhen, zu speisen und dem Sommerregen bei seinem Tagwerk zuzusehen. Gespielt wird heute Abend im renommierten Ballsaal „Zum Schulzenhof“. Die Tische sind gedeckt, Sekt reicht sich fleißig von Hand zu Hand, die Feierreden sind gespickt mit edler Poesie und man erfährt auch sehr viel über das Freizeitverhalten, das Zünden von Böllern in Küchen der Kindheit, insgesamt übers Leben und Wirken eines Veterinärs, unseres Veterinärs, denn er lebe hoch. Natürlich auch im Tourtagebuch der Russian Doctors.
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„Wo die Sonne steht, da steh auch ich“ oder:
Wenn Gitarren sprechen könnten (231 & 232)
06. August 2011, Pirna/Hofnacht,
1. Konzert
Seitdem
Jörg Kachelmanns Schürzenjäger-Schlagzeilen ihn von seiner rettenden Froschleiter
im Wetterbildschirm bisweilen leider beinahe komplett vertrieben, ist einfach
kein Funken Verstand mehr ins Wetter zu bringen. Gut, der Sommer ist dafür vielfältiger
bis artenreicher (Mücken! Wespen!) geworden und Glück hat ein jeder, der ihn nimmt,
wie er ist. Doch wenn noch irgendwer das Wort „Klimawandel“ in den Mund nimmt,
wenn das noch einer sagt, dann geht’s ohne Frühstück ins Bett. Darauf hat man
Lust, wie das Schwein aufs Messer.
Heute
aber, man glaubt es kaum, heute läuft alles nach Pratajevs Gusto und in der Tourbuch-Überschrift
steht’s gerecht geschrieben: „Wo die Sonne steht, da steh auch ich“. Endlich.
Es ist schwül, heiß und stickig. Im Tourbus dürften‘s 40 Grad sein, die
Schokolade schmilzt und Doktor Pichelsteins neues, schwarzes Sonov-T-Shirt ist
bereits beim Einladen der Anlage ein einziger nasser Wischlappen. Zur Qualität
spezieller Stoffe aus tschechischer Produktion sei noch angemerkt: Bei
Hitzeentwicklung verliert das Ursprungsmaterial viel Farbe, welche sich wenig
später in den Hautporen als krümelige Dreingabe wiederfindet. Frauen, die noch
heute am Weiher waschen müssen, kennen das Problem und greifen vor Verzweiflung
in der Folge gerne zur Flasche. Die Folgen sind bekannt.
Nachdem
gefühlt 100 mobile Wohnanhänger mit holländischen Kennzeichen erfolgreich
umkurvt wurden, kommt PirNatürlich (offizieller Rathaus-Slogan) immer näher und
die Freude aufs erste Kaltgetränk in Reinkultur wächst mit jeder Minute.
Hofnacht im Sommer, anders war’s im letzten Jahr, und in Ulfs Langer Straße
grinsen sie breit. Alles läuft wie eh und je, locker bis ungestresst. Der
Kühlschrank macht einen hervorragenden Job, der Rosenbowle werden letzte,
liebliche Tropfen hinzugefügt und Doktor Makarios beklebt Weinflaschen. Womit,
mit welchem Label, das verrät die nächste Überschrift des Tourbuches. Denn was
zu diesem Zeitpunkt, so gegen 19 Uhr auf der Hutbühne zu Pirna, noch niemand
ahnt: Heute wird alles gespielt, fast alles. Die anderen drei Stücke der
Russian Doctors fallen dem Schnaps anheim. Ergo: Zwei Konzerte werden es, eines
heftiger als das andere. Kommen wir zum Ersten, zu den Höhepunkten.
Doktor
Pichelsteins neue Gitarre erlebt die Feuertaufe. Tja, wenn Gitarren sprechen
könnten. „Eben stand ich noch ganz harmlos bei Musik Produktiv in diesem Kaff Laggenbeck
bei Ibbenbüren herum, dachte mir, na gut, da kommt dann wieder ein langweiliges
Langhaar, einer dieser Frauenversteher, und zupft so, puh, wenn ich das schon
höre, rein sessionmäßig auf mir herum,
und beschwert sich dann, ich sei zu leicht und vielleicht zu teuer und was weiß
ich? Aber dann nimmt mich der schnellste Gitarrist von ganz – was noch mal
alles? - einfach aus dem Ständer,
stöpselt’s Kabel an die Box und spielt Biber auf mir. Wir wurden dann schnell
gute Freunde und ich glaub, ich hab ihm da auf der Hutbühne keine Schande
gemacht. Na okay, nach zwei Stunden Konzert riss die erste Saite. Aber das lag
an der Saite, woran denn sonst?“ Tja, wenn Gitarren sprechen könnten. Es
spricht aber zwischendrin meist nur Doktor Makarios und es singt das
dichtgedrängte Publikum den Katzenchor. Herrlich, das hat’s bisher noch nie
gegeben. Und so folgt Lied auf Lied, unterbrochen von einer kleinen Pausesause
mit Hüftschwung zur Schnapsbar. 23:30. Zwei Stunden pures Glück, Ende des
ersten Konzertes. Ulf, Jürgen, Enrico und allen, allen andern ein
Hofnachtdank!
My colour is
red (232)
06. August
2011, Pirna/Hofnacht, 2. Konzert
Was sollte jetzt noch Erwähnung finden? Die Überschrift
erklärt sich mit dem Besten, was Weinberge, wörtlich gemeint, so drauf haben.
Ein leckerer roter, trockener, ein Die-Art-Wein eben. Neue Edelmarke, Doktor
Makarios wird zum Mundschenk.
Während beide Doktoren, ob gedacht getaner Arbeit, recht
erschöpft auf Bänken vegetieren, ist die Unruhe im sich mitterweise fast
komplett neu gemischten Publikum deutlich spürbar. Der rettende Satz: „Na wir
haben doch bis gerade erst gespielt“ gilt immer weniger und als dann Ulfs
C-Hooligan-Betreuer vom Dynamo-Spiel aus Fürth in der nunmehr im Lampenschein
vegetierenden Szene erscheint, da muss es eben sein: „Mein Doktor, es geht
weiter,“ sagt ein Erbe Pratajevs dem anderen. Schon springt man in die neue
Runde …so plötzlich. Mit diversen Dopplungen sind es am Ende knapp über 80
Titel. Hach und dann geht gar nichts mehr. So muss sich Tutukin, der Radfahrer,
gefühlt haben, als er die Bergstrecken des Mittleren Urals bezwang. Reif für
die Reha, doch einen guten Wein dabei in der Hand. Kaum zu schaffen sind die
wenigen Meter bis zur Pension und vorausschauend sei an den mittlerweile drei
Stunden langen Sonntag gedacht: Wie soll’s mit dem nur weitergehen?
Ein Märchen im Garten (233)
31. August 2011, Leipzig/Café
Mule, Hochzeit
So
geschah es und sie sagten „Ja“ zu allen Welten, Meeren und in erster Linie zu
sich selbst; der Hofstaat, die Familien gerührt von glücklichen Tränen, folgte
ihnen durch den quirligen Sonnentag. Manches Glas Wein ward darin munter vertrunken.
Prinz und Prinzessin, charmant, bekannt im Künstlerreich waren fortan König und
Königin und sind es bis jetzt: Ein abendliches Stelldichein im Garten des Café
Mule bringt die Zeitenwende ins aktive Geschehen. Darin werden Gitarren
gelüftet, Knappe Shiva, Narr Pichelstein, die Edelleute umliegender
Ritterburgen rüsten sich für die Geselligkeit, bewundern Braut und Bräutigam und
wünschen all das Glück dieser Welt.
König
Vincent (im feinen Ornat) und Königin Tina (vom zart wölbenden Schleier in Weiß
bedeckt) eröffnen alsbald Fest und Buffet. Die Schwätzchen aller Reihen geben
ein schönes, lockeres Stelldichein, Flüsse von Wein werden verzehrt, Kohlen
glühen unterm Suppentopf und Doktor Makarios erhebt sonor die Stimme zu
Pratajevs Dichterwerk.
The
Russian Doctors beginnen mit „Da hält der Wind den Atem an“ – denn wer hätte
von diesem Tag, vor langer Zeit, je Wind bekommen, wenn nicht der damalige
Prinz seine Prinzessin via Kontaktanzeige kennen und schätzen gelernt hätte?
„Suche Schlagzeuger“ lautete diese und gewiss, ja, das ist Schicksal. Denn
wahrscheinlich, wahrlich und eigentlich gewiss hatte der Prinz bei Abgabe
seiner unspektakulären Annonce eher mit einem durchgeschwitzten, un-heiratbaren
Langhaarstudenten aus Leipzig-Connewitz gerechnet. Doch es kam anders, dauerte
einige Weiten und Weilen und es wurde gut, sehr gut. So dass Pratajevs Text
über die 5 Gebote der Liebe heute erstmals (seit der Hochzeit von Bürgermeister
Krupkin in Miloproschenskoje, Jahr und Tag sind nicht überliefert) wieder ans
Licht der geneigten Öffentlichkeit gelangt.
Das
Publikum swingt mit, fotografiert, filmt, applaudiert; vor der Bühne lodert ein
imaginärer Zauberspiegel, aus dem fleißige, gute Feen dem Brautpaar
Glücksblitze ausrichten. Um die Fabelhaftigkeit an dieser Stelle zu übersetzen:
Einer der Glücksblitze hinterlässt die Aufschrift „Zwei Wochen
Algarve/Portugal“. Ein weiterer: „Ich muss raus an die Schnapsbar“ – womit die
Doktoren ihr kleines Konzert beenden und nach kurzem Weinschwenk die Band
Lizard Pool dem Fest im Garten Stoffgebundenheit feinster, britischer
Gitarrenklänge vermittelt. „Herrlich, das mal wieder erleben zu dürfen“, sagen
selbst Mittezwanzigjährige zueinander und verneigen sich. Der König derweil
singt, spielt wie ein junger Gott - im letzten Song trommelt gar die Königin. Was
will jedermann mehr? Nichts, gar nichts und somit darf dieser Tag bis ans Ende
aller Tage gelobt werden. Der 31. August des Jahres 2011 wird mit diesen Worten
selig und heilig zugleich erklärt.
Das
schwarze Loch (234)
16.
September 2011, Berlin/Schokoladen-Mitte
Erstaunlich, Doktor Makarios scheint die
Strapazen der letzten Wochentage recht kühn weggesteckt zu haben. Als da waren
diverse ART-Konzerte, zwischendrin ein Goldeck-Master-Mix, die Aufnahmen zur neuen
ART-Platte und natürlich eine - den bisherigen Schilderungen zur Folge - außergewöhnliche
Filmdrehung zu Bad Doberan. Konfrontiert man diese Stadt am Meer übrigens mit
dem automatischen Word-Rechtschreibeprogramm, wird, das sei am Rande erwähnt,
u.a. ein Vorschlag namens „Dobermann“ geliefert. Nun, über all dies soll Doktor
Makarios berichten. Heute ist Wrap. So nennt sich ein Abdrehausklang feat. Party
und die findet praktischerweise, mitunter sehr prominent besetzt, im
Schokoladen-Mitte statt. Die Crew nebst Band Die Art ist früh zugegen und
mittenmang stehen furchtlose Pratajev-Forscher allerbeste Güte. Heißt: Voll
ist’s im Laden, dem wir hiermit alle Daumen der russischen Seelenwelt drücken.
Möge er lang noch leben und allen BRD-Kiez-Spekulatiussen kraftvoll die rio-reisersche-punkrockende,
nassforsche Stirn bieten.
Doktor Pichelstein samt Navigator in schick
reisten aus Leipzig an, froh darüber dem Stauticker einigermaßen glimpflich
entkommen zu sein. Es drücken sich Doktoren ob des Wiedersehens und ja, was ist
das? Gurt Kaktus steht im Soundcheck vorn, bewaffnet mit frisch geernteten
Runkelrüben, einem Sack Kartoffeln und vielerlei Trinkflaschen. Herrlich. Rasch
wird die Bühne zum Leuchtfeuer-Feldrand, an dem die jungen Burschen später tanzen;
eine Dame im Arm, so muss es sein, und wird es glatt werden. Swingend, singend,
feiernd - die Arbeit ist für heute getan. Allerorten verfolgt vom Odeur bulgarischer
Brennereikunst trinkt sich der Abend ins Konzert hinein. Eademakow und
Winogradow haben darüber spirituelles vor. „Pratajev war
Teilzeit-Homosexueller“, sprechen sich Rätsel frei. Da wollen wir mal sehen,
wohin solcherlei abstruse Theorien führen. Und ob nicht Pratajev im Jenseits
der Gruftrufe etwas dagegen haben könnte.
Wir befinden uns mittlerweile im
Fetisch-Block; die Ankündigung, dass jener oder jene, welcher/welche ein Lied
der Doctors auswendig vortragen kann, den Kaktus-Schnaps gewinnt, trägt schwankende
Früchte. Eademakow traut sich „Beim Bücken“ zu und es wird großen Applaus
geben. Eben noch eine Kamera in Händen, schon ist’s die Schnapsflasche und (wir
wollen es vorweg nehmen): ein Tausch, der gar mit dem Komplettverlust der
Technik im weiteren Verlauf des Abends einhergehen wird. Sollte also jemand besagten
Apparatschik gefunden haben, möge er ihn doch bitte dem Postfach der
Pratajev-Gesellschaft unter dem Vermerk: „Schwarzes Loch“ zukommen lassen. Denn
an solch schadhaften Stellen wird es weiterhin nicht mangeln.
Kleiner Exkurs, wer oder was alles außerdem spurlos
verschwand: Eine Flasche Schnaps (im euphorischen Orkus des Eademakow), Frau
des Whiskeymannes aus Potsdam (weg war sie kurz nach dem dritten Zugabeblock), Gurt
Kaktus (schrieb am Folgetag: Ich musste den Zug noch erwischen – das las sich
beruhigend, kein weiteres Schnapsopfer), Winogradows Auto- und
Wohnungsschlüssel (was dazu führte, dass eine gewiss längst schlafende Gattin
45 Minuten Nachtwegstrecke bevorstanden, was weiterhin zur Frage führte: Wo ist
Eademakow?) und ja, Eademakow selbst (samt Rucksack, in dem sich zum Beispiel
hinterlegte Schlüssel befanden). Jemanden vergessen? Schaut doch bitte mal im
WG-Zimmer Eures Nachbarn nach dem Rechten. Ja und zu guter Letzt verschwanden
auch die Doktoren, glücklich und trunken.
Der Abend ist wahrlich nicht nur gelungen,
nein nein, derart unvergesslich wird er bleiben, dass einem nunmehr die Worte
fehlen.
Im
Schnitzelparadies (235)
17.
September 2011, Schwerin/Zeppelin-Club
Stefanie Hertel und der golden
gelockte Trompeter Stefan Mross sind kein Paar mehr. Eine Meldung wie ein
Schlag ins Gesicht der Dirndl-Mischpoke. Wenn jetzt obendrauf ein berühmter Jodelvater
seinem süßen Töchterchen im gewohnten Vollplayback flüstert: „Du, ich hab eine
andere, doch mit dir war es auch schön“, kann Volksmusik nicht weit sein, dann
ist sie mitten unter uns. Heile Welten darf man nicht besudeln und Gartenstühle
im Stadl sind zum Sitzen und Beklatschen da. Bis das Herzilein ein Nickerchen
nimmt, dann kommt der Engel und der Engel ist menschlich. Antenne-Sänger Peter
Sebastian kann ein Lied davon singen.
Übertroffen wird die
dramatisch anmutende Gemengelage nur noch durch eine Landtagswahl in Berlin, bei
der es darum geht, möglichst hinzugehen. Denn der Urberliner an sich ist von
Natur aus träge wie ein Zooeisbär; da die Hauptstadt aber momentan von zugezogenen
Biedermeiern und Bionadetrinkern dominiert wird, geben sich die Parteien mehr
oder minder große Mühe, zumindest Teile einiger Bevölkerungsschichten an die
Urnen zu locken. Der Rechtsausleger NPD titelt dafür „Gas geben“, was,
geschichtlich betrachtet, recht bedenklich abzulesen ist. Man braucht dafür volle
Sehkraft voraus; die Holzbrettplakate sind derart laternenhoch angebracht, als
ob es darum ginge, Krähen das Landen vermaledeien zu wollen. „Piraten“ und vor
allem „Die Partei“ plakatierten fröhlich dagegen. Wählengehen soll Spaß machen;
fröhlich angekreuzt gelingt der Tag. Ob die Tierschutzpartei hingegen beim
Abhören von Pratajevs Katzen- und Hundeliedern Spaß verstünde, wollen wir mal
besser nicht weiter ausführen und so geraten The Russian Doctors erst einmal in
den immer gleichen Berliner Rausfahrstau. Im Fahrplan steht heute Schwerin rot gemarkert.
Es geht ins Schitzelparadies, in den Zeppelin-Club, und das nicht zum ersten
Mal. Open Air allerdings ist neu. Aber die Sonne meint es sehr gut mit
Pratajevs Erben; das unterwegs stets sehr wichtige Tankstellenkaffeecola- und Bockwursthochgefühl
steigert sich mit der Option auf schöne, leckere Stunden im Nordosten zum
Diskant.
Pause im Pilzwald; Doktor
Makarios trägt ein Körbchen durchs Grün, Doktor Pichelstein dämmert zur
Bundesligakonferenz am Wegesrand dahin. Hamburg wird verlieren, Nürnberg immerhin
den Ausgleich schießen. Und, um es vorweg zu nehmen, die FDP bei 1,8
Prozentpunkten in Berlin landen. Aber erst morgen, am Sonntag. Heute heißt es:
Auto parken, den Langen am Mischpult freudig begrüßen, die geballte Kompetenz
des Zeppelin genießen, auch wenn Chef Tommi gerade im verdienten Urlaub weilt, Schnitzelteller
bestellen.
Warum spielt man heute
draußen? Nun, der Laden brummt und die XXL-Leckerchen werden drinnen
mittlerweile bis Mitternacht ans hungrige Schwerin plus Umland gebracht. So
soll’s sein. Klar, Küste, immer nur Wasser, ganz viele Fische auf dem Teller.
Abwechslung schadet nicht und ist zudem extrem lecker. Ein Christopher hinterließ
etwa am 25. Juli 2011 um genau 17:21 Uhr im Gästebuch der Zeppelin-Homepage
folgende Lobesworte: „Bei euch ist es einfach nur TOP... die Schnitzel sind
megaköstlich und die Burger sind ein Traum... Als nächstes teste ich mal die 1m
Spare Ribs“. Let‘s Pitcher trinken und
Schnitzels essen in the Biergarten. Wohl dann! Zudem
gibt es in Gesamtdeutschland nur sehr wenige Orte, an denen das berühmte
Zeppelinbier, eine extrem leckere, naturtrübe, ungefilterte
Hopfenspezialität aus der Brauerei Leibinger (natürlich aus, genau: Ravensburg)
flaschenweise verteilt wird. Ein sogenanntes „Kellerbier“, was sich (gut
gekühlt) u.a. dadurch auszeichnet, dass es so manchen Bei-Schnapsverzehr
erlösend ad absurdum führt. Denn zum Bierchen werden Kümmerlinge gereicht. Aus
einer ganzen, vollen Flasche – dem Tourgeschenkevorrat entnommen. Wie gut, dass
Doktor Pichelstein gleich mehrere Zeppeline beim Abspielen des Intros in
Reichweite weiß, denn an zur Bühne wandernden Schnapsbars wird in den folgenden
knapp zwei Stunden kein Mangel sein.
Das Pratajev-Set schwillt an und mit ihm
folgt’s Publikum gen Mikrofonie; es wird ein feines Konzert mit allerlei
Zugaben, wobei sich der Lieblingssong Schwerins nicht klar zu erkennen gibt.
Manche Stadt oder Gegend auf der Tourlandkarte der Doctors hat ihn sich bereits
unter den Nagel gerissen. „Gefesselt“ geht klar nach Wittenberg, „Beim Bücken“
nach ganz Brandenburg oder „Als das Eis kam (so plötzlich)“ nach Dresden. „Der
Satte“ wäre eine Idee fürs Schweriner Zeppelin. Oder „Der Hungrige“. Hat
Pratajev derlei Texte geschrieben? Wir werden es herausbekommen.
Mitunter sammelt sich ordentlich was für die
notleidenden Wirte von Miloproschenskoje zusammen; ein Dank dafür,
stellvertretend von Doktor Makarios und Doktor Pichelstein, an zwei sehr junge
Damen aus der ersten Reihe. Aus dem Kino um die Ecke stromern gut situierte
Besucher eines reisenden Kabarettisten an die frische Luft und trauen ihren bravklatschwunden
Ohren nicht. Mütter wollen hören, was da über tote Katzen und bebende Bürste
gesungen wird; verzweifelte Männer reißen sie weg, denn die Parkzeit im Haus
dafür möchte nicht zu teuer werden. Was man im Leben nicht alles
verpasst! Aber nun, Schluss für heute, raus an die Schnapsbar und im kleinen Kreis wird bis zum letzten Tropfen noch ein bisschen Pratajev gesungen und auch gespielt. „Wir machen ne Band auf“, ruft eine der jungen Damen. Doch dazu ist es dann nicht mehr gekommen.
verpasst! Aber nun, Schluss für heute, raus an die Schnapsbar und im kleinen Kreis wird bis zum letzten Tropfen noch ein bisschen Pratajev gesungen und auch gespielt. „Wir machen ne Band auf“, ruft eine der jungen Damen. Doch dazu ist es dann nicht mehr gekommen.
Die unweite Pension, mit himmlisch weichen
Doktorenbetten drin, war einfach zu verlockend. Beine hoch, Augen zu und bloß
das Frühstück um 10 Uhr, in aller Herrgottsfrühe, nicht verpassen.
Aussichtslos, in Anbetracht der Zustände. Doch eine gnädige Wirtin, das muss
abschließend erwähnt werden, hatte ein gerechtes Einsehen.
Die
belgische Gitarre
(236)
22. September 2011, Chemnitz/Flowerpower
Während die Schnelle Musikalische Hilfe (SMH)
der Russian Doctors an diesem katholischsten aller Donnerstage seit langem
versucht, Chemnitz trotz aller Widrigkeiten zu erreichen, hat der heilige Vater
aus Bayern und Rom seine Bundestagsrede bereits hinter sich. „Wo Gott ist, da
ist Zukunft“, jubeln Christen und Perser gleichermaßen. Was hilft’s? Das
Frohburger Dreieck verschließt sich mal wieder jedwedem Reiseverkehr, heißt:
Umleitungen folgen, die keine sind. Denn spätestens in Geithain fällt auf, dass
es lokale Buntmetalldiebe neuerdings auch auf mobile Verkehrsschilder abgesehen
haben müssen. Merke: arme Gegend, viele Strauchdiebe und natürlich Tempoblitzer.
Doktor Pichelsteins Budget sieht (nach dem letzten, rasanten Tourwochenende) diesbezüglich keinerlei
Spielräume mehr vor, also: gerecht fahren. Außerdem teilen weder Doktor
Makarios noch Doktor Pichelstein die sagenumwobene Fantasie, einem Herrn und
Schöpfer entgegentreten zu wollen – gewiss konträr zu den Todessehnsüchten,
pfeilschnell überholender Landbevölkerungsgruppen. Warum auch sonst rammte man
so manches Kreuz aus Obi-Holz für die Hinterbliebenden an den Straßenrand?
Endlich am Flowerpower angekommen. „Jeden vierten Donnerstag im Monat wird dem Soul, R’n‘B, Reggea und Ska aus der großen Zeit gehuldigt. Live werden heute die Russian Doctors aufspielen (…)“. Stadtmagazine sind manchmal schon ankündigungswert interessant; sämtliche Facebook-Einträge darüber spielen Verwunderung herbei. Ob nun R’n‘B für Russland und Belgien stehen möchte? Oder wenigstens eine belgische Gitarre im Besitz des Pichelstein ist? Da postet Doktor Makarios sehr gerne zurück: Na selbstverständlich! Nur spielt der die nicht, weil die viel zu wertvoll ist. Schon Anatoli Prumski sagte, "Hätt ich eine belgische Gitarre von Frans van Gitarrenhals, dem s.v. jüngeren, ich bräuchte nicht mehr spielen".

Die ersten Konzertblöcke
verstreichen im Übermut; Pichelsteins weiterhin als neu zu bezeichnende
Erlenholzgitarre, geschnitzt in den Wäldern Japans, führt sich auf wie ein
rasender Biber im Schafspelz. „Nicht so schnell, mein Doktor“, ruft
Makarios. Man sieht es ja gerne auf
Bühnenfotos: Doktoren erzählen sich ins Ohr. Und genau dieser Satz fällt da
manchmal. Überaus gerecht, denn je mehr Treibstoff in den Gitarristen gelangt,
umso todesmutiger rast er um die Kurve. Pause. Schnapsbar. Viel wird erzählt,
ein Mädchen nennt sich „Die Gestörte“ und keiner weiß, warum das so ist.
Erneut füllt sich die Spendendose für die Wirte von Miloproschenskoje, wird der Rotarmist im zweiten Konzertblock aus dem Keller gejagt, während der Papst von kleinen Messdienern träumt. Oder von sehr jungen Messdienerinnen. Man weiß es nicht. Vielleicht träumt er ja auch nur vom Messwein feat. vom Buch Möse oder Mose, was nicht weiter schlimm wäre. Es soll uns allen egal sein. Heute wird einzig, nicht allein an den einen großen Dichter geglaubt, an S.W. Pratajev, den Puschkin von Miloproschenskoje. Mose hatte recht mit seinem dritten Gebot: „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben“, sofern Pratajev damit gemeint ist. Drum,
Ihr Pilger heute im Flowerpower zu Chemnitz: Trinkt, esst, nehmt Euch eine sehr junge Schwesternschülerin oder einen sehr jungen Diakon. Der Herr Pratajev sei mit Euch und in Eurem Geiste weit über die letzte Schnapsbar-Zugabe hinaus, weit über den Wind, der den Atem anhält, auch.
Die Doktoren bedanken sich
beim Flowerpower, auch bei der verdienten Klofrau, und möchten noch den DJ im
Nachbarsaal trösten. Allein und verlassen, nach wenigen Stunden, gab er
schließlich auf. Gegen die Russian Doctors verlieren, das ist nun mal das Kreuz
der Konserve dieser ach so schönen Welt. Heim geht’s viel später um die Ecke;
in der Dienstwohnung wird genächtigt, wie schön, wenn’s der Veranstalter derart
gut mit seinen musikalischen Wanderern meint.
Pratajevs Goldener Zerbst (237)
24. September 2011, Zerbst/k6
Vielen, vielen, vielen Dank! Das war er also, der
kleine Pratajev-Kongress 2011. Unzählige Höhepunkte, folgenreiche
Schnapsverkostungen, „Goldeck“ in Bestform, „The Russian Doctors“ ebenso,
russische Technik, Wallgold II jun. nunmehr "Held der Arbeit“, Pokalrausch
für Gurt Kaktus (Rundblick-Foto-Wettbewerb, Forscherpokal 2011), Eademakow
& Winogradow als bulgarische Spurenentdecker, eine sich biegende (nicht
brechende) Schnapsbar und sämtliche Zerbster Unterkünfte ausgebucht. Was will mehr
erlebt werden, am Tag als der Sommer von uns gegangen war? Kommen wir zur
Eröffnungsrede des in einer Senffleckenhose steckenden Doktor Pichelstein, Top
1 der Running Order. Auszüge, bei denen der Applaus kräftig anschwoll:


Präsentiert wird der heutige Kongress von
Pratajevs Leib- und Magenkapelle „The Russian Doctors“, als Sponsor sei die
Schwarzbrennerei Kaktus in höchsten Tönen gelobt. Als Veranstaltungsort ebenso
das k6 mit all den lieben Menschen, die es uns ermöglichen, heute hier sein zu
dürfen. Ein Dank in eigener Sache gebührt unserer Schatzmeistern und
Kalkulatorin Frau Doktor Manjoschka Gnatz, ohne die wir ganz schön im Regen
stehen würden. Selbst wenn die Sonne dabei schiene. Wenn Sie heute hier sind, und noch nie etwas
von Pratajev gehört haben, dann folgen nun kurze Abschnitte seines Lebens,
bevor es dann endlich los geht (…)
Springen wir durch den Abend im ABI-Land
(KFZ-Zeichen für den Kreis Anhalt-Bitterfeld), erwähnen wir, dass die Last der
Vorbereitungen jedem dargereichten Kaltgetränk weichen durfte und loben die
Fotoausstellungsakteure im Besonderen. Auch kleine Preise für die 5. bis 2.
Plätze wurden trunken, dankbar entgegengenommen. Egal, wer die meisten Pins des
Publikums am Ende ergattert hatte: Schlotternde Knie waren eine stete Folge.
Die Verneigung vor der weitesten Anreise ging eindeutig an Pratajev-Mitglied
Nummer 49, „Lucas der Lokführer“ in seiner Funktion als „Der, der immer vorne
sitzt“ aus Saarbrücken. Nicht unerwähnt bleiben darf, dass Lucas der Lokführer
den „Rundblick-vom-Turm-Wettbewerb“ mit einem ersten, jungfräulichen Beitrag
gar ins Leben gerufen hatte.

Welch hervorragendes Bühnen-Debüt auch im
Zyklus der Helga Bauer-Forschung für Gurt Kaktus, dessen Bildnis der
freiwilligen Selbstkontrolle zum Opfer fiel und hier nicht publiziert werden
kann. Und erst Wallgold II jun., welcher ein nunmehr 100 jähriges
Kuhbürstermodell Pratajevs in Ehren zum Vortrag hielt. Alles in allem: Ein
Sonne und Brot-Tag, wie er in ganz wenigen Büchern geschrieben steht. Damit
schwindet die Erinnerung; ein Hauch Kesselsoljanka bleibt und mit ihm die Schärfe
einer goldenen Pratajev-Nacht. Gewürzt mit neusten Produkten aus der
Schwarzbrennerei Kaktus.
Lasst
uns die Nasen blutig schnarchen (238)
30. September 2011, Borgsdorf/Lindeneck
Um dem freitaglichen Stadtstau Leipzigs schlaue Gestirne
zu bieten, verladen Doktor Makarios und Doktor Pichelstein die entfernt
beheimatete Anlage zur Beschallung des Publikums bereits am Abend zuvor in den
Tourbus. Pünktlich will man schließlich am nächsten Tag bei den Anglern in
Borgsdorf sein, zu den willkommenen Nachfeierlichkeiten der „Krummen Rute“ im
Lindeneck, unweit des brandenburger Havelecks gelegen. Baumfreund Ekmel zeigt
sich für die Konzert-Ankündigung der harten Wirtin („Nach der Sommerpause gibt
es wieder heiße Rhythmen und coole Drinks im Lindeneck Borgsdorf“) liebevoll
verantwortlich; das macht er mit Bravour und dem Geschick eines honorigen
Gastgebers. Ein heißer Dank eilt allem an dieser Stelle voraus. Doch noch ist’s
lange nicht so weit. Denn die A9 Richtung Berlin erscheint, wie so oft, eitel
im Sonnenschein und möchte unbedingt ins Radio-Antenne-Land. Stau,
zähfließender Verkehr so um die 20 Kilometer lang. Mit letzter Kraft lenkt
Doktor Pichelstein das Steuer zur Ausfahrt ORWO-Stadt Wolfen. Blühende,
piepende Landschaften erstrahlen im Bitterfelder Glanz und das eine ganze lange
Weile. Wenn nur die Scheibenwischspritzanlage funktionieren würde. So bleibt
die Sehnsucht nach freier Sicht, der Unbill auf jeden neuen grünen Käferklatsch
und natürlich rückt’s erste Lindeneck-Bier dito nicht unbedingt näher an den
Quell des Durstes heran.
Kaum zurück auf der A9, hinein in den Berliner Ring,
staut es sich wenig schlechter. Gebrochene Ruten und
verdrallte Schnüre mögen all jene strafen, die mit geleasten Dickautos in einem
todesmutigen Vettel-Leben, nicht unbedingt geprägt von anglerischer
Nächstenliebe, für temporäre Unfälle an Baustellen verantwortlich sind. Und, by
the way, woher kommen all diese rollenden Ansammlungen holländischer Wohnwagen?
Statistisch gesehen müssten auf jeden Holländer daheim mindestens zugleich
stets drei unterwegs in den Urlaub sein.
Endlich da, gut, einmal am Lindeneck vorbei
gefahren, um- und endlich eingekehrt. Die harte Wirtin hat schwer zu tun; praktische
Zettelberge voller theoretischer Strichlisten verheißen: Der aufstrebende,
pokalhungrige Anglerverein „Krumme Rute“ scheint bereits ordentlich getagt zu
haben. Es folgen lecker Schnitzelteller, samt und sonders kühle Biere sowie ein
Soundcheck im Halbtempo. Die Abordnung des Männergesangsvereins Concordia
Teschendorf reicht erste Kräuterschnäpse, wunderbar! Ob nun bald und
tatsächlich Lieder wie „Jeder Schluck“ oder „Tote Katzen im Wind“ im Fokus der
Proben stehen werden? Wir glauben fest daran und begrüßen nebenher ein neues
Mitglied der Pratajev-Gesellschaft aus Berlin. „Ist der Brandenburger
eigentlich eine ländliche Ausgabe des Berliners?“ Welche Frage könnte
unbeantworteter bleiben?
Eine Hand gerade noch im Lostopf späterer Räucherfischgewinne,
die andere nunmehr am Mikro, begrüßt Baumfreund Ekmel den tosenden Saal. Kerzen
werden als Bühnenlicht erkoren, die Feldmänner legen los - ein Eimer selbst
geernteter Kartoffeln wird den Doktoren zur Pause überreicht. Rührung steigt, die
harte Wirtin im Schankbereich hat gewiss schon Zapfarm. Zu allem
Verzettelunglück ist mittlerweile sämtlicher Wodka alle. Gut, mag vielleicht
daran liegen, dass die Doktoren darunter wohl gelitten hatten. Weiter geht’s im
Set; Katze-Kuh-Yoga-Übungen finden nur in Grün-Berlin-Mitte statt. Hier wird
Pratajev gehuldigt und es dürfte ihm alles sehr gut gefallen haben. Hätte es
ihn nicht gegeben, müsste man ihn neu erfinden; im Lindeneck wäre promptes Zuhause
für eine weite Weile.
Das Füllhorn des Abends lässt erste Gäste
trunken, stoffgebunden und heimlich entschwinden, mittlerweile wird drinnen geraucht,
was das Zeug hält. Kaum einer stört sich dran, aschend wedeln die Arme empor.
Doktor Pichelstein wird ein letzter Whiskey auf die Bühne gereicht. Dann: plötzlich,
nach dem vorletzten Zugabeblock, ist er verschwunden, der Doktor Makarios an
seiner Seite. Doch die Angler rufen nur: „Solo!“ Doktor Pichelstein spielt
nicht nur Solo, sondern mit letzter Kraft hinaus ein Lied der nächsten
Doctors-Platte. Welches, wird bestimmt keiner der Anwesenden mehr wissen. Sei’s
drum. Auf geht’s ins Blockhüttengewerk am Havelufer. Lasst uns die Nasen blutig
schnarchen.
PS: In Borgsdorf bleiben die Frauen den jungen
Burschen erhalten. Das schafft nicht jede Kreisstadt. Muss an den Anglern der
Krummen Rute liegen, ganz sicher!
Die
fünf Gebote der Liebe (239)
01. Oktober
2011, Birkholz/Hochzeit im Idyll
Hochzeit in Birkholz, Sonnenschein, mildschwitzende Hitze,
russische Doktoren als schicke Brautjungfern, wie immer: ganz in schwarz (bis
auf Doktor Pichelsteins Turnschuhe, was ihm erstaunlicherweise sehr oft
vorgehalten wird). Chrissi und Kalf haben es getan, sind in götterhafter
Pratajev-Manier mit dem altbackenen, geschmückten, roten Motorrad durchs Dorf
geknattert. Und nicht nur die kleine Sozius-Auspuff-Brandblase am beinernen
Teint der Braut wird diesen Tag der Liebe ewig in Erinnerung rufen.
Pratajevs musikalische Erben durchfuhren zuvor
Brandenburg, kamen an Gestaden vorbei, durch die man sich selten verfährt,
trafen sogar unterwegs den Baumfreund Ekmel, samt beifahrender Lady Katharina,
wieder. Doktor Makarios‘ Waldsammelkorb biegt sich derweil bedenklich. Wenn
Doktor Pichelstein des Rechtens nach seinem fabulösen Navigator schaut, sieht’s
aus, als gäbe es bald hiesige Kartoffel-Pilzpfanne, gespickt mit Nüssen und was
da noch so alles herum liegt. Man muss wissen: Im Duo der Doctors ist Makarios
der naturkundige Pfadfinder, Doktor Pichelstein eher ein skeptischer Beobachter
allen Summens und Unterholztreibens. Von Zeit zu Zeit versucht der
Naturkundedoktor dem anderen etwa ein wenig Pilzlehre beizubringen. „Kann man
den essen?“ „Na klar, der sieht aus wie im Kaufland-Regal“. „Oh nein, das ist
ganz fieser Tintling, auf keinen Fall“. Schon verschwinden rote und blaue
Beeren im beflissenen Walddoktor, während der andere die Zeit lieber dazu
nutzt, den Ölstand am Gefährt zu prüfen oder eine Gitarre zu besaiten. Vielleicht
liegt’s auch daran, dass Busfahren auf Dauer arg lethargisch stimmt und jede
Pause eher dazu verleitet, sich auf die Schwerkraft zu konzentrieren. Gar nicht
so leicht, vor allem nicht nach einem Abend mit den Anglern der Krummen Rute
tags zuvor in Borgsdorf.
Die Begrüßung an der Alten Dorfstraße ist allererste
Kultur; Name auf den Becher geschrieben und schon fließt der hochprozentige
Saft der Gerechten in allerlei Kehlen hinein. Zwei Schafe liegen
alufoliengewickelt auf Grillspießen am Feuer. Bräutigam Kalf führt durchs weite
Gelände. „Aha, das sind also die Hühner, die grüne Eier legen.“ - „Was noch
fehlt, das sind schwarze Schweine“, kommentiert sich’s Geschehen staunend bis
lobend; weiter östlich scheinen die Brandenburger Teufelsmoore zu beginnen.
Jedenfalls kreisen Heerscharen von Mücken überm Geläuf. Wer Kette raucht, wird
weniger gepiesackt. Herrlich. Keine Hektik, auch beim Bühnenbau, nebst Soundcheck,
herrscht idyllische Melancholie vor. Cooles Anstehen am Tresenwesen, lauter
feine Menschen, Haps die Schüssel-Leckereien, Prost den Becherovka („Hände weg,
der ist nur für die Doktoren!“).
Das Konzert jubelt vor allem die Kleinen richtig
durch; mückenmutig trug Doktor Pichelstein anfangs Achselshirt, zerstochen muss
dann doch ein Hemd aus dem Gewühl hervor getastet werden. Und weil der Tag es
mehr als wert ist, weil es Zeit ist, ein Hochzeitslied zu spielen, erklingt
alsbald folgender Pratajev-Text zu Ehren der Hochzeitsgeniusse:
Die fünf Gebote der Liebe
Zuerst sollst Du nicht streiten
Mit Deinem armen Mann
Wenn er mal betrunken ist
Er tut ja was er kann
Das Zweite der Gebote
Sagt schlag nicht Deine Frau
Wenn sie morgens Schnaps trinkt
Warum weißt Du genau
Die fünf Gebote der Liebe
haben einen Sinn
Wenn man sie beachtet
Winkt der Hauptgewinn
Als Drittes wird empfohlen
Habt immer Schnaps im Haus
Man kann ihn gut gebrauchen
Und ohne ist's ein Graus
Der vierte Rat der Räte
Habt Ihr dereinst noch ein Kind
Gebt Ihm Schnaps zu trinken
Dann wächst es ganz geschwind
Die fünf Gebote der Liebe
haben einen Sinn
Wenn man sie beachtet
Winkt der Hauptgewinn
Und Letzt und endlich fünftens
Nehmt Euch oft in den Arm
Auch wenn Ihr dabei schwankt
Der Schnaps, der hält euch warm
Und Letzt und endlich fünftens
Nehmt Euch oft in den Arm
Auch wenn Ihr dabei umfallt
Der Schnaps, der hält euch warm
Die fünf Gebote der Liebe
haben einen Sinn
Wenn man sie beachtet
Winkt der Hauptgewinn
Zeit für die süßleckercremige Hochzeitstorte, für
knutschende Münder davor und damit in den nächsten Konzertblock. Zeit für passive
wie aktive Fesselspiele, Tierlieder und Schnapsbars, heute gar auch im
Walzertakt. Immer dabei: tschechischer Inspirations-Spiritus der Marke
Becherovka. Chrissi und Kalf schenken aus, ja, und mit glücklichem Schimmer im
Gemüt endet die letzte Zugabe, trollt sich die Gästeschar zurück zum zweiten
Grillschaf, zur Schnapsbar – trunken, heißblütig und dem späteren Wirtshausbett
lang noch nicht erlegen. Vielen Dank, Ihr Menschen aus Birkholz: passt nicht,
gibt’s nicht!
40
Jahre HO (240)
02. Oktober
2011, Oelsnitz/Bergbaumuseum
Auf geht’s heute, am Vortag germanischer Einheit, nach
Oelsnitz, ins Erzgebirgsbecken, wie es richtig heißen soll, eben weil man als
Nichtsoganz-Erzgbirger aus diffusen Gründen stets leichte Trümpfe in der Hand
zu haben scheint. Wie sonst käme etwa ein Wikipedia-Nerd auf folgenden Inhaltsstoff: (…) Der Zusatz Oelsnitz „im
Erzgebirge“ wurde 1883 erstmals von der Post genutzt, um Verwechslungen mit der
Stadt Oelsnitz im Vogtland zu vermeiden. Allerdings ist dieser geographisch
falsch, da Oelsnitz im Erzgebirgsbecken liegt. Treffender und korrekt wäre
„Oelsnitz am Erzgebirge“. Verdammt, warum will bloß
niemand freiwillig AUS dem Erzgebirge kommen? Zumal: „Becken“ ist doch drinnen,
mitgehangen, mitgefangen. These: Wenn kaum jemand sich des urigen Gebirges freiwillig
zugehörig fühlen möchte, obwohl bereits Wiege, Schnuller und Kinderwagen
handgeschnitzt waren, vom Opa, der immerzu das Steigerlied beim Schnapse und
auf der Oma sang, dann kann doch irgendwas nicht stimmen. Im letzten Jahr
spielten die Russian Doctors tief drinnen, in Eibenstock, immerhin ihr bisweilen
höchstes Konzert. Auf einer Skihütte, 700 Meter über dem Meeresspiegel und die
Menschen dort wirkten ganz normal. Gut, Sprache und Ausdruck waren vor allem
für Doktor Pichelstein nicht leicht zu verstehen, aber: alles in allem war’s
ein rauschendes Fest da droben auf dem Berg.
Herumgesprochen hat sich
bisweilen, dass man mit abgekupferten, bayerischen Traditionen, vor allem in
der Grenzregion Brandenburg/Sachsen, jeden noch so starren Wendeverlierer vom
Fenstersims oder Sofa wegzulocken vermag. So trägt es sich heute etwa zu, dass
nicht nur überall Oktoberfest ist, nein, auch Almabtrieb wird begangen. Während
so ein Szenario im Allgäu sicherlich hohe Wellen (wegen: hoher Berge) schlägt,
reiben sich die fahrenden Makarios und Pichelstein doch sehr die müden Augen,
als im Landkreis Elbe-Elster, nahe der gerühmten Sängerstadt Finsterwalde, Kuh
um Kuh einen Waldhügel herunter getrieben wird. Man hat sogar Weideland im tiefen
Tal zu Parkplätzen umfunktioniert und ab geht die Graulockenpost bei
Schweinehaxen und Bier in Maßen. Nun
denn, weiter geht’s Richtung Oelsnitz; erste, überlebensgroße Schnitzfiguren am
Tankstellenrand zeugen von der Richtigkeit des Weges.
Auf dem Gelände des
Bergbaumuseums weisen interessante Hinweisschilder aus bemalter Pappe,
Aufschrift: „40 Jahre HO“, beiden Doktoren den Weg. Hendrik und Olaf hatten
Geburtstag, „40 Jahr‘, volles Haar, so standen sie an der Schnapsbar“, hätte
Pratajev gewiss heute zum Besten gedeutet. Doch da Pratajev bekanntlich längst
verstorben ist, werden The Russian Doctors den großen Landdichter heute würdig
vertreten. Zwar wuchs das Weichteilvolumen von Doktor Pichelsteins
Gitarrenschlagarm nach den Konzerten der letzten Tage und vor Wochenfrist bedenklich
an, aber: es wird später Medizin geben, heilende Salbe, Voltaren nämlich - froh
ist man, dass solch ein Schleim nur von außen in die Haut einzudringen vermag. Und
nicht andersherum.
„40 Jahre HO“ sind/ist
bereits früh am Abend rundum organisiert; der historische Festsaal des Bergbaumuseums
sieht sich beladen mit Leckereien am Büffet, mit Trinkereien in allen Ecken und
tata: Eine echte russische Schnapsbar zimmerte man und trug allerlei Gebranntes
und Gegorenes auf ihr zusammen. Das kann ja heiter werden, zumal die Doktoren Programmpunkt
4 oder gar 5 sind, was einem ersten Set ab 23 Uhr zumeist in die bereits
durstgelöschteren Karten spielt. Bereits Pratajevs Gitarrist Anatoli Prumksi
wusste: „Ein Konzert spielt sich nicht allein, vorher muss jede Menge Schnaps
hinein“. Ausgeladen wird der Tourbus, die Bühne, dekoriert im GDR-Jugendstil,
erweist sich als feinste Kulturempore.
Draußen ist weiterhin Sommer
im Herbst; schiedlich friedlich raucht es sich hier am besten. Die Gäste
erreichen ihr Ziel in Scharen, Autos leeren sich; bald schon sitzt der Saal
unterm 1939 verzierten Eichengebälk an der Decke. Was da genau eingeschnitzt
steht, wollen wir mal lieber nicht wiedergeben. Irgendwie geht es um
Bergmänner, die lustig bis natürlich unheimlich tapfer ihrem schweren Tagewerk
nachgehen. Dann eröffnen Hendrik und Olaf die Party. Doktoren loben kauend und
triefend all die Speisen, die leckeren Happen und auch Kuchen und Suppen.
Kabarett kündigt sich an; ein Mann spielt dazu Gitarre, der Slang ist steigerisch-erdverwachsen,
lustig kreischen die Runden, Kabarett verkleidet sich gerne, so auch heute.
Applaus und Schmaus, eine rauchen gehen und Smalltalk wird zum Longtalk. Gewichtige
Fragen des Lebens werden darin zumeist unbeantwortet bleiben, etwa diese: Warum
Frauen immer „shoppen“ wollen und Männer eher gar nicht. Oder: Warum Frauen beim
„Shoppen“ von ihren Männern Geleitschutz abverlangen, während diese später sehr
mürrisch, bepackt mit Plastetüten voller Damenschuhe und Wasche, in den
entsprechenden Kaufhausabteilungen des Landes auf Hockern kauern - der Tag für
sie damit gründlich verdorben scheint. Oder: Welchen Stellenwert die Präsenz
einer Starbucks-Kaffeekette für eine Stadt feilzubieten vermag. Denn: Leipzig
hat Starbucks, Chemnitz nicht. Unangenehme Folge für die Männer: Jetzt müssen
sie zu allem Übel noch am verkaufsoffenen Wochenende von Chemnitz nach Leipzig
fahren, ihren Frauen im übervollen, völlig überteuerten Heißgetränkeladen
staubtrockene Muffins nebst Vanillekaffee organisieren, bevor es dann zu den
Hockern ins Geschäftliche geht.
"Bei mir bist du schön" – so geht’s
weiter im Programm. Das Duo „Roter Mohn“ (nicht verwechseln mit der
gleichnamigen Band um den Skeptiker-Sänger) trägt vergessene Lieder,
Tonfilmschlager und Evergreens vor. Holla! Der Kultursaal des Bergbaumuseums
tobt; Doktor Pichelstein zieht’s zum Klatschtest wieder hinein. Voltaren
macht’s möglich. Ältere Semester summen, jüngere schunkeln und ganz junge
kreischen vergnügt. Höhepunkt: Hendrik wird samt Bass in die Anlage zur Beschallung des Publikums
eingestöpselt. Eisbären müssen nie weinen… Und dann fällt der Vorhang zur
Schnapsbar, The Russian Doctors beginnen mit Russen und Feldmännern. Doktor
Pichelstein schraubt den Soundpegel gen Himmel, bzw. gen verzierter
Schnitzdecke, und nach wenigem Liedgut ist der Saal, wie man so sagt, geknackt.
Rostocker Freunde schwingen die Hüften; das Randerzgebirge, das
Erzgebirgsbecken, ach immer doch: das gesamte, wohlfeine Erzgebirge tost und
treibt Pratajevs Erben zur Höchstform. Schnaps um Schnaps erreicht die
Kulturbühne - so geht das eine ganze, lange Weile, bis über die Zugabennische
hinaus.
Weil für viele ein Doctors-Abend gänzlich neu
ist, der allerletzte Wunschblock somit schwerlich bedient werden kann, ruft man
eben: „Das Pferd“ oder „Der Wolf“ oder „Die Maus“ gen Makarios’ mikrofonischer
Programmführung. Aber solche Texte oder Stücke hat Pratajev bisher nicht von
sich blicken lassen. Und weil alles so unglaubliche Kreise zieht, hilft
letztlich nur „Da hält der Wind den Atem an“ und „Der Abend ist gelungen“. Das
passt sehr gut, bis in die späte Nacht, bis die Pension „Zum Brunnen“ (mit 4
Kegelbahnen!) glücklich erreicht ist.
Peperoni zum Naschen (241)
04. Oktober
2011, Prag/Klub Final
Welch gute, perfekte Idee
einen so genannten „Off-Day“ gehabt zu haben, ein paar Stunden
Heimatliederruhe. Gute Gelegenheit sich der Erschöpfung hinzugeben, Wäsche
nebst Tourgefährt zu wechseln, Medizintasche komplettieren. Auf Anraten seines Sängerdoktors huscht
Pichelstein rasch noch auf eine Tube Traumeel (Werbeslogan:
„Wenn Sie es übertrieben haben“) in die nächst beste Apotheke. Und tatsächlich:
Belladonna rettet des Doctors Gitarrenarm in sanfter Nachhaltigkeit.

Phil Shoenfelt wurde bereits auf dem Weg dorthin
gesichtet. Da ist die Freude groß, schließlich sah man sich zuletzt beim ersten
Goldeck-Zusammenspiel im Leipziger Flowerpower Anfang des Jahres und bei den
anschließenden Feierlichkeiten von 25 Jahre Die Art im UT Connewitz. Im Final hockt
vor einer Naschschale Peperoni bereits der Tourverantwortliche Jarda Švec in mittlerweile
erweiterter Funktion als „producent, zvukař,
umělec, šaman“.
Kaum sitzt man nach feierlichen Brüderlichkeiten, kreist der erste Joint, doch
nein, nicht für die Doktoren. Genügsam schlürft sich’s Pivo, schmeckt der
Becherovka wie er eben schmeckt.

Wie wahr. Und je inspirierter, nebulöser Jarda
mit seinen tschechischen Technikfreunden kreativ über den verkrusteten Knöpfen
der heute feilgebotenen, prähistorischen Anlage zur Beschallung des Publikums
brütet, desto öfter fällt sie in jedem Song für Bruchteile komplett aus. The
Russian Doctors spielen tapfer weiter; dem Publikum, mit deutlich deutschem Übergewicht,
scheint’s trotzdem an nichts zu mangeln. Es wird ein eher kurzes Konzert,
Umarmungen folgen bei Ende und die Nacht zum Mittwoch, auf dem Oka-Freisitz,
bringt’s wahre Final. Doktor Makarios gelingt es gar zu später Stunde noch aus
der bereits geschlossenen Küche drei Portionen Gulasch zu erhaschen. Es fließt
das Pivo, es kleckern die Schnäpse. Keine Frage: man ist in Prag und die
folgenden Konzerttage werden es noch mächtig in sich haben.
Krásná Žába - schöne Frösche (242)
05.
Oktober 2011, Prag/U VYSTŘELENÝHO OKA PUB
Die braunen Entenweiber auf der Moldau
schnattern sowohl Doktor Makarios (Kajüte 32) als auch Doktor Pichelstein
(Kajüte 34) auf dem Botel wach. Natürlich, kein Wunder. Bereits ab halb 10
scheint die Sonne so, als wäre bereits erneut Frühling im Anmarsch. Bunt
gefiederte Erpel geraten schwärmerisch ins Grübeln: „Schon wieder Paarungszeit?
Warum nicht.“ Doch weit gefehlt; alle Entenweiber wissen’s besser und hacken
erfolgreich zurück.
Auf dem Frühstücksdeck versucht sich Doktor
Pichelstein mit einem herkömmlichen Schmiermesser am kunstvollen Zerteilen störrischer
Backwaren. Bald regnet es allenthalben Brotbröckchen hernieder, obsiegt die
Erkenntnis, dass nur böhmische Scharfmesser in der Lage sind, frische Hörnchen
in bestreichfähige Zustände zu versetzen. Sehnsucht und Jieper auf leckere Chlebíček wachsen. „Mein Doktor,
vor dem Frühstück ist nach dem Frühstück, wir müssen los“, ist dann auch der gerechte
Satz nach Erwerb eines 24-Stunden-Tickets für sämtliche, öffentliche Prager
Verkehrsmittelchen. Motto übrigens: „Flott durch die Stadt“. Aber wer will das
denn?
Auf
geht’s nach einer Portion Sonnendeck hinein in den Konzerturlaub. Denn: Man
will und darf ja wenigstens auch ein bisschen Praha 1-Tourist sein. Chlebíček
auf dem Wenzelsplatz, Karlsbrücke und Moldauufer lassen grüßen; hier ein Gulášová,
dort ein Pivo dazu. Oder beides zusammen, schmeckt am besten. Karl Gott! Neue
CD! Ganze Schaufenster schnappen daran über, Eindrücke überwältigen. Doktor
Makarios erweist sich mal wieder als wahrer Gourmetentdecker. Aufgepasst werden
muss nur, dass keine hörige Reisegruppe (Schirm voran) einen als Gefangenen mit
in die Khakihosen-Herden reißt. Diese armen Menschen. Grausame Anführer rufen
stadtführend ins Headset, Ohrstöpsel transferieren Informationen; am Revers der
Herdentouristen steckt ein Empfänger. Echt Hightech. Dumm nur, wer ein Hörgerät
trägt, daran zeternd leidet, wie die paarungsbereiten Frühlingserpel auf der
Moldau. Und wie sie fließt und glitzert, wie Bötchen auf ihr fahren, schwarze
und weiße Schwanenpaare Kreise ziehen. Eigentlich möchte man gar nicht
auftreten heute, vielleicht noch ins nächste Restaurant verschwinden, all das.
Doch Schluss, solchen Gedanken sollte nicht nachgehangen werden. Heute ab 20
Uhr: The Russian Doctors zum wiederholten Mal im Oka, in Žížkov – wunderfein
war’s dort bisher immer. Schön, dass aus gestrigem Anlass alles Equipment dort
bereits auf der Bühne steht. Es folgt ein Nachmittagsschlaf, folgen Botel-Pivos
auf dem Sonnendeck beim Untergang des orangenen Feuerballs. Möwen umsegeln den
Angler bei seiner harten Arbeit in der Flussmitte. Absurd: Junge, rudernde
Menschen in Kajakbooten lassen sich von anderen, via Motorboot-Megafon,
zusammenschranzen. Das möchte man nicht haben.
Später im Oka: Jarda hat’s eilig mit dem
Soundcheck; einem Šaman obliegt es aber an zwei
Orten gleichzeitig zu sein. Im eigenen Club, dem Nuclear Bunker, ebenso wie
hier im Oka. Wie schnell doch alles geht! Nur: Wenn in einem Bandvideoportal
die Überschrift „Live vom Bunkr Praha“ geschrieben steht,
tjaha, dann habt Ihr Bands das Mitleid der Doctors. Und durftet wohl nicht ins
Oka, wo sich langsam die Tische besetzen, Zuzana, Phil, erneut zur Freude: die
Nürnberg-Delegation, Azalea So Sweet und gar eine der Berliner
Pratajev-Sektionen eintreffen. Ebenso fast vollzählig
versammelt: Die Band Secret 9 Beat, deren neue CD zwar noch im Taufbecken verweilt - mit Producer Phils Hilfe indes gewiss schon bald das Gott’sche Karelgen in Punkrock eingehaucht wird. Es kreisen die Rauchwerke, noch ein Becherovka an der Theke und los geht’s mit dem ersten Set: Männer die am Feldrand stehen…
versammelt: Die Band Secret 9 Beat, deren neue CD zwar noch im Taufbecken verweilt - mit Producer Phils Hilfe indes gewiss schon bald das Gott’sche Karelgen in Punkrock eingehaucht wird. Es kreisen die Rauchwerke, noch ein Becherovka an der Theke und los geht’s mit dem ersten Set: Männer die am Feldrand stehen…
Selten
waren Doktoren so fotogen wie heute; ein Kulturschaffender in
Leipzig-Lindenauer Tracht dreht mal gleich einen ganzen Film samt Interviews am
Schluss und stellt Doktor Pichelstein u.a.
folgende Frage: „Was hast du vor der samtenen Revolution über Prag gewusst?“ „Das lässt sich auf wenige Ebenen reduzieren“, wird der bereits sehr angeschlagene Schnellgitarrist zu später Stunde antworten. „Pan Tau, tschechische Märchenfilme, Luder in Hackschuhen und natürlich Becherovka.“
folgende Frage: „Was hast du vor der samtenen Revolution über Prag gewusst?“ „Das lässt sich auf wenige Ebenen reduzieren“, wird der bereits sehr angeschlagene Schnellgitarrist zu später Stunde antworten. „Pan Tau, tschechische Märchenfilme, Luder in Hackschuhen und natürlich Becherovka.“
Am Ende
des 2. Konzertsets, die erste Gitarrensaite riss darin im Überschwang recht
bald, wird schnell klar, dass es heute mit wenigen Zugaben nicht getan ist; die
Wirtshaustochter trägt emsig Durstlöscher gen Bühne, ausgegebene Pratajev-Texte
in
tschechischer Übersetzung werden bereits heftig singend rezitiert. Aus dem Nebenraum eilen die Menschen bis nach ganz vorne. Die Spendendose für die notleidenden Wirtsleute von Miloproschenskoje enthält gar zwei T-Shirts mit lauter schönen Fröschen drauf. Ist doch tatsächlich ein echter Froschzähler, ein Feingeist Pratajevscher Fluss- und Agrarromantik, im Publikum. Dafür und zum Schluss kann’s nur eine letzte Ode geben: Das Lied vom gelben Fettfrosch. „Pivo ist das Brot für die Tschechen“ ruft noch einer, bevor ihn Gevatter Schlaf zu sich holt.
tschechischer Übersetzung werden bereits heftig singend rezitiert. Aus dem Nebenraum eilen die Menschen bis nach ganz vorne. Die Spendendose für die notleidenden Wirtsleute von Miloproschenskoje enthält gar zwei T-Shirts mit lauter schönen Fröschen drauf. Ist doch tatsächlich ein echter Froschzähler, ein Feingeist Pratajevscher Fluss- und Agrarromantik, im Publikum. Dafür und zum Schluss kann’s nur eine letzte Ode geben: Das Lied vom gelben Fettfrosch. „Pivo ist das Brot für die Tschechen“ ruft noch einer, bevor ihn Gevatter Schlaf zu sich holt.
Spoutana.cz
(243)
06.
Oktober 2011, Prag/Parukářka

Žížkovs
imposanter Fernsehturm mit den Krabbelkindern dran wird vom Taxifahrer recht
waghalsig erreicht. Der zottelige Steuermann hustet dazu in einem fort, mit
jedem Schlagloch wird es schlimmer - beide Doktoren würden gerne Mundschutz
tragen. Bloß sich keinen böhmischen Killervirus einfangen, wie beim letzten
Intensiv-Pragausflug 2009, der Doktor Pichelstein wenige Tage später ohne Umwege
direkt in die nächtliche Notfallaufnahme führte. Schüttelgefrostet, mit einer
Gartemperatur von knapp 40 Grad Celsius. Wenn einem, so erschienen, die nicht
mehr sehr junge Krankenschwester offeriert: „Gehen Sie mal morgen zum Hausarzt,
wir können nachts um drei überhaupt nichts für Sie tun“, weiß man spätestens,
dass der Dienstleistungssektor, speziell im Leipziger Osten Deutschlands, wenig
hinzugelernt hat. Die Sache ging dennoch gut aus; Doktor Pichelstein täuschte
eine mittelschwere Ohnmacht vor und wurde wenig später mit einer
längerfristigen Arbeitsunfähigkeit beglückt.
Schon
steht man vorm Berg, dem Parukářka; wie eigentlich immer wird sich mit
geschultertem Equipment bis ans Ziel gekeucht. Und das Ziel ist groß! Jolana,
zurück aus Ägypten, Goldeck-Geiger-Pavel, Phil, Jarda und: tata, da isser: DJ
MC Špína,
gestern noch einer der Langschläfer im Oka, heute bereits wieder redselig
angetütert. Špínas vordere Zahnverluste der letzten Zeit führen
allerdings dazu, dass kaum ein Wort (im Kauderwelsch aus
Tschechisch-Deutsch-Englisch) zu verstehen ist. Doktor Pichelstein versucht in
einer ruhigen, abgeschiedenen Schnapsbarminute einem gewiss weltgewandten Satz
zu lauschen. „Pivo, Schnapps-Shots“ – mehr ist beim besten Vokabular-Willen
nicht zu eruieren.
Der Soundcheck eilt voran; der doppelte Jarda
weilt nämlich zugleich im Oka, ergo muss alles rasch über die Bühne gehen. Der
Wirt ist glücklich und wird es, zumindest heute, die ganze Nacht über bleiben.
Am Tresen wird gefeiert, besser: getrauert, denn vor genau einem Jahr starb
einer der Parukářka-Gänger.
„Wir machen das in seinem Sinne“, erläutert ein kleines Blechmädchen mit einem
Randvollglas Slibowitz in der Hand. Dann los, Grillsenf von
den Backen gewischt, The Russian Doctors spielen um ihr Leben. Das klingt
fürwahr übertrieben, doch dem ist nun mal so. Doktor Pichelstein: kaum zu
bändigen, Doktor Makarios Ansagen sind kurz gehalten, doch was sie verkünden,
trifft die Menschen ins Herz. Die Rede ist natürlich von Pratajev, seiner Zeit
in Prag. Die Rede ist von heute dito wieder ausgelegten Gedichten des großen,
russischen Poeten. Und schon bald, das Konzert schwitzt sich in die Pause, wird
allen Anwesenden historisches Gewahr: Die erste, öffentliche Pratajev-Lesung in
tschechischer Landessprache beginnt. Die Lyrik „Gefesselt“ hat es allen besonders
angetan, wird rezitiert in ihrer ganzen tragischen Weite bis Lüsternheit.
Selbst der Wirt macht schließlich mit, umarmt dankbar Doktor Makarios glühenden
Auges, führt Doktor Pichelstein geschultert an die Schnapsbar. Hier angekommen macht
es auch nichts, dass mitunter der gesamte Becherovka-Vorrat ausgetrunken wurde.
„Das gab’s noch nie“, jammert die Tresenfrau. „Das gab’s bei den Russian
Doctors schon oft“, bemerkt Pichelstein voller Stolz. „Slibowitz“, wird gerufen
und „Fernet für The Russian Doctors“. Weiter geht’s.
MC Špína war der Letzte am Mikro; Doktor Makarios
versucht fortan, der nunmehr triefnassen Sangesgerätschaft nicht mehr allzu
nahe zu kommen. Doch dann ist alles egal. Die Zugaben führen einige Mädchen aus
besseren Kreisen in den Club hinein. Eine wird später von Pferden berichten. Die
andere, im verknüllten 45-Grad-Winkel, auf einer Bank liegend, sehr herzhaft
brechen müssen. Weniger im leisen Schwall, eher brachial, ja überzeugend. Macht
nichts, wird schon wieder, kümmert gerechter Weise keinen. Schließlich, nach
ergreifenden Verbrüderungen, müssen die Doktoren ins SMS-Taxi, ins Botel zurück. Es geht
einfach mal nichts mehr; draußen hat’s geregnet und ein kalter Wind weht über
das anbetungswürdige Antlitz des Parukářka. „Kommt wieder!“, ruft der Wird.
„Machen wir“, winkt Doktor Makarios in die letzte kleine Menschenmenge hinein. Dann
ist kalter Herbst und man wird sich beim Tesco am nächsten Tag
wohl oder übel eine dicke Jacke kaufen müssen.
Schnaps
mit Kräutern aus dem Weingläserwald (244)
05.
November 2011, Dresden/Bräustübel
Du meine Güte, kann Bockwurst ekelig sein. Vor allem, wenn gemeines
Verkaufspersonal die eigentlich leckeren Tour-Senfpeitschen gefühlte zwei Jahre
und acht Monate im selben Heißmacherwasser beließ. Kaum Richtung Dresden, am
Rastplatz Muldental, erworben, schon stehen die Russian Doctors an der
Folgeraste, um den viel zu dicken Widerling aus der Obhut des entsetzten Doktor
Makarios gen Abfallkorb zu entlassen. Nur gut, dass Pichelstein keine Peitsche
wollte. 3,69 € gespart. Zu allem Ungemach schreit die Fußball-Konferenzlerin
Sabine Töpperwien den gesamten Wagen mit jedem neuen Tor der Dortmunder
Borussia zusammen, Nürnberg verliert tragisch in der 3. Minute der
Nachspielzeit. Fehlt nur noch der einkalkulierte A4-Stau vor den Tälern unserer
Landeshauptstadt.
Doch nichts dergleichen. Nahezu rasant parkt der winterbereifte Audi
überpünktlich, bei Schlagern aus dem Heimatsender, am Körnerplatz 3, knapp hinterm blauen (aktuell jedoch
eher rostigem) Wunder. Hinein mit der Backline ins urige Bräustübel, rasch werden die Doctors an
heutiger Spielstätte eingewiesen (Schnapsbar, Bühne, Vorbands und dergleichen).
Schon steht man draußen im kühlen Abendlüftchen, von Winter keine Spur - im
April war’s dieses Jahr bereits viel kälter. Am Hang leuchtet die Standseilbahn,
in Händen der Erben Pratajevs funkeln dito Augustinerbier nebst
Cocktailleckereien. Dann kann’s ja losgehen mit der 2x 40er Jahre Party, stimmt,
denn die beiden Hauptakteure des Abends trudeln ein und das Hallo ist
groß.
Im oberen Ambiente der Partystübel fordert die erste Metalband sämtliche
Fensterdichten der Gegend heraus, unten laben sich Makarios und Pichelstein an
der Speisekarte. Würzfleisch, lecker. Man steigt von einer Bier-Sorte auf die
nächste um, wechselt ab und zu die Cocktail-Beschaffenheit und smalltalkt sich
durch feiernde Stunden. Einiges Publikum will die Russian Doctors auf dem
vergangenen Elbhangfest mittlerweile als Band mit Schlagzeug und mehr gesehen
haben, doch solcherlei Fälschlichkeiten wollen wir mal dem allerorten zügigen
Herannahen an die (beachtliche!)
Freigetränke-Grenze zurechnen. Metalband zwei spielt derweil; die Fenster
halten, dem Partyvolk geht’s prima.
Bis Mitternacht ist plötzlich nicht mehr viel Zeit auf der Uhr; die
Doktoren erheben sich erstaunlich fit aus den Stühlen, basteln am gerechten
Sound, Feldmänner erklingen, russisches Landleben erwacht. Voll ist’s vor der
Bühne und darauf geschieht bald recht interessantes; Schnaps
mit Kräutern aus dem Weingläserwald wird in immer kürzeren Abständen, per
Tablett, herangeschafft. Die ersten Runden gibt’s zum Prosten noch in den
Liedpausen, die weiteren folgen mitten im Set.
Bedeutet für Doktor Pichelstein etwa: „Beim Bücken“ spielen und dabei
zeitgleich ein Weinglas Schnaps, vom Kellner direkt in den Schlund gekippt,
verarbeiten zu dürfen. Flüssigfütterung auf dresdnerisch, gar nicht so leicht.
Vor allen Dingen, wenn blind von E-Dur unten nach cis-Moll mittig gegriffen
werden muss. Aber es klappt heute ja eh alles wie am Schnürchen. Die Bockwurst,
Sabine Töpperwien: längst vergessen. Die Icefighters Leipzig gewinnen zudem
11:4 gegen Fass Berlin, der Saus im Saal greift weiter um sich. In die Zugaben
mischen sich gar „Sie sagte“ und ein gewisser „Ozean“ hinein.
Den vielen, leckeren Bühnengaben
geschuldet, geht’s schlussendlich dorthin, wie die Schnäpse wohnen, zur
Schnapsbar. Doktor Pichelstein versucht sich noch in der Weitergabe seines
kleinen Gitarrenwissens, bevor das Mescalero-Taxi hupt und mit großem Schwung
der Rückbank-Erstschlaf kurz gesucht und wenige Meter auf dem Weg in die
Neustadt prompt gefunden wird.
Miloproschenskojer
Erntefest mit Notfallaufnahme (245)
18.
November 2011, Leipzig/Frau Krause
Am Tag nach der großen Sause bei Frau
Krause: Doktor Pichelstein kurz vorm Fußröntgen im Wartezimmer der
Notfallklinik am Thonberg (Absturz von der Bühne, Diagnose: Bänderanriss),
Doktor Makarios (Absturz an der Schnapsbar, Diagnose: Frau Krause-Koller,
leicht unpässlich bereits auf dem Weg zum Blankenhainer Art-Privatkonzert). Es
heißt, der Sangesdoktor habe die dortige Schnapsbar erstaunlich lange Zeit
gemieden. Aber das ist ja auch kein Wunder. Oder doch - eigentlich war’s
vorherzusehen. Hier der Versuch einer kleinen Rekapitulation diverser
Ereignisse, versehen mit Fotomaterial aus dem
Hause Kaktus:
Hause Kaktus:
Der 18. November 2011 ist ein typischer
Brrr-Tag im Herbst. Froh darf man sein, endlich Frau Krauses Tür im Leipziger
Süden erreicht zu haben. Warm ist’s drinnen, T-Shirt-Temperatur, das melodiös
gezapfte Staropramen perlt durstige Kehlen hinab. Der Tisch der Stammgäste
empfängt die Doctors voller Liebe zur pratajevschen Kunst. Kann es doch heute
nur beherzigend heißen: Jeder Schluck ist ein guter Schluck. Derweil erreicht
der Nordbooker, Peter aus Wismar, das hehre Ziel des Abends. Planungen fürs
Konzertjahr 2012 beim ersten
Becherovka folgen; Doktor Pichelstein schraubt beide Gitarren zurecht, Doktor Makarios versorgt’s Mischpult mit passender Kabellage vorm Soundcheck. Als Bühnendekofachmann versucht sich erneut sehr erfolgreich Gurt Kaktus. Die Miloproschenskojer Erntefestgirlande hat es in sich. Und auch die heimische Schwarzbrennerei wartet mit einem neuen Produkt unter dem erfolgsversprechenden Label „Nacktschneckenschnaps“ auf. Dazu werden Restbestände Katzenblut gereicht. Satt vom pompösen Schnitzelteller reiben sich Makarios und Pichelstein, drüber sehr zufrieden, die Augen. Dann wird’s voll, richtig voller und voller. Dabei ist Karl-Marx-Stadt heute lediglich zweifach vertreten. Aber – und das muss erwähnt werden: dafür gesund und munter.
Becherovka folgen; Doktor Pichelstein schraubt beide Gitarren zurecht, Doktor Makarios versorgt’s Mischpult mit passender Kabellage vorm Soundcheck. Als Bühnendekofachmann versucht sich erneut sehr erfolgreich Gurt Kaktus. Die Miloproschenskojer Erntefestgirlande hat es in sich. Und auch die heimische Schwarzbrennerei wartet mit einem neuen Produkt unter dem erfolgsversprechenden Label „Nacktschneckenschnaps“ auf. Dazu werden Restbestände Katzenblut gereicht. Satt vom pompösen Schnitzelteller reiben sich Makarios und Pichelstein, drüber sehr zufrieden, die Augen. Dann wird’s voll, richtig voller und voller. Dabei ist Karl-Marx-Stadt heute lediglich zweifach vertreten. Aber – und das muss erwähnt werden: dafür gesund und munter.
Stone überreicht Doktor Pichelstein
noch einen Prager-Livemitschnitt aus dem Frog-Records-Archiv, ein letztes
Staropramen gibt’s im Stehen, Hallosagen und Gehen. Dann heißt’s nach Introende
mal wieder: „Wenn die Blätter fallen / steigt aus allen Gallen / eine bösartige
Substanz.“ Lange nicht mehr gespielt, die „Schwermut im Herbst“. Bereits nach
der ersten halben Stunde reißen Doktor Pichelsteins Gitarrenfingerpflaster –
oder sollte besser gesagt werden: Nach den ersten gefühlt fünf
Bühnen-Schnapsrunden? Rasant jagen sich die Heimatlieder durch Frau Krauses
Katakomben; bis zur ersten Drittelpause stellt Doktor Pichelstein seinen
Leipzig-Rekord im Schnell-Gitarrespielen viermal ein. Und rettet sich in die
Kühlbox mit frischen Verbänden. Ins Innere der Krause stromern nunmehr herrlich
verkleidete Rammstein-Konzerttouristen; es gibt kein Durchkommen mehr.
Irgendwann, so gegen Anfang des zweiten
Konzertdrittels, gibt Gurt Kaktus, qua Ansage, die Miloproschenskojer
Erntefestgirlande fürs Publikum frei. Sofort sieht man eifrige Menschen an
Pratajev-Schnapsfläschchen saugen; einige Mädchen zieren sich’s Haupt mit
Maiskolben. Nie sahen sie schöner aus. Und weit kamen sie her. Aus Oelsnitz
etwa oder aus Potsdam. Beim Wirtsleutelied gibt’s heute kein Durchkommen für
die Spenderdose. Liebe Wirte, verzeiht; das holen wir im nächsten Jahr alles
wieder rein. Wieder erreicht ein schwankendes Schnapsbar-Tablett die Bühne.
Über alle Tierlieder des mittleren Urals hinweg.
Sofort wird ihm eine nicht unerhebliche
Menge Ibuprofen an leckerem Nacktschneckenschnaps eingeflößt. Dann geht nichts,
wahrlich gar nichts mehr und tags drauf wird der Elefantenfuß von sehr jungen
Schwesternschülerinnen umsorgt. Der Chirurg schmunzelt nicht schlecht, als das
Unfallprotokoll aufgenommen wird. Zu den Russian Doctors muss er unbedingt mal
hin, sagt er noch. Und um diesen Erläuterungen ein kleines PS hinzuzufügen:
Doktor Pichelsteins Teilnahme an den nächsten Gitarren-Paralympics ist
lediglich ein Gerücht.
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